Ärzte Zeitung, 16.05.2008

Seit 2003 hat der Frankfurter Pädiater Dr. Jabbar Said Falyh etwa 60 schwerkranke Kinder aus dem Irak an deutsche Kliniken geholt, damit sie dort operiert werden konnten. Unterstützt wird er unter anderem von der Kinderhilfe Irak des IPPNW. Der fünfjährige Ali aus dem Irak ist so ein Patient. "Ärzte Zeitung"-Mitarbeiter Pete Smith hat den Jungen während seines Klinikaufenthaltes begleitet.

Deutsche Ärzte im Einsatz für den kleinen Ali

  • Dienstag, 11. März, 14 Uhr

Auf dem Flughafen Frankfurt/Main landet eine Maschine aus Arbil im Nordirak. An Bord sind der Orthopäde Dr. Al-Juber Kareem Dawoud und sein Sohn Ali. Der Fünfjährige leidet an Hypospadie, einer angeborenen Entwicklungsstörung der Harnröhre. Er soll in Deutschland operiert werden, da solche Eingriffe im Irak aufgrund der katastrophalen medizinischen Versorgungslage risikoreich sind. Dafür nimmt der Arzt mit seinem Sohn auch eine mehrtägige Anreise in Kauf.

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Angekommen in Deutschland: Dr. Al-Juber Kareem Dawoud, sein Sohn Ali und ihr Gastgeber Dr. Jabbar Said Falyh (von links). Fotos: Smith

Die beiden sind seit Samstagnachmittag unterwegs. Von Nasiriya, der am Euphrat gelegenen Hauptstadt der irakischen Provinz Dhi Qar im Süden des Landes, sind sie zunächst 360 Kilometer nördlich nach Bagdad gefahren. In der Hauptstadt kamen sie abends an. Gleich Sonntag in der Früh durften sie sich in der deutschen Botschaft ihre Visa ausstellen lassen und sind am nächsten Tag weiter nach Arbil, der Hauptstadt der autonomen Region im Nordirak, gereist. Ihr Flug ist heute morgen um acht vom Hewler International Airport, dem modernsten Flughafen Iraks, gestartet.

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Musste mehrere Operationen durchstehen und kann schon wieder lächeln: Der fünfjährige Ali aus dem Irak.

Am Frankfurter Flughafen werden sie von Mustafa abgeholt. Er ist ein Freund des aus dem Irak stammenden Frankfurter Kinderarztes Dr. Jabbar Said Falyh, auf dessen Einladung Kareem Dawoud und sein Sohn nach Deutschland gekommen sind. Mustafa bringt die irakischen Gäste zunächst in die Praxis des Pädiaters in den Frankfurter Stadtteil Bornheim. Nach Ende der Sprechstunde nimmt Said Falyh die neuen Gäste mit zu seiner Wohnung, wo sie bis zur Operation bleiben dürfen. Ali ist von den Strapazen der Reise so müde, dass er sofort einschläft.

  • Mittwoch, 12. März, 10 Uhr

Dr. Al-Juber Kareem Dawoud und sein Sohn Ali sind zur Voruntersuchung im Frankfurter Bürgerhospital. Begleitet werden sie von Farah Loukili, Arzthelferin von Dr. Said Falyh. Die junge Frau hat Vater und Sohn um neun Uhr in der Wohnung ihres Chefs abgeholt. Eigentlich hätte sie heute frei, aber sie springt gern ein, da sich kein anderer gefunden hat, der die irakischen Gäste ins Krankenhaus begleiten könnte.

Kinderchirurg Dr. Peter Schmidt, Oberarzt am Bürgerhospital, untersucht den Jungen. Er erklärt dem Vater auf Englisch, dass die erste Operation etwa anderthalb Stunden dauern wird. "Sie ist nicht kompliziert, wir machen das sehr oft hier." Am Ende unterschreibt Kareem Dawoud, dass er über die Risiken informiert worden ist. So ist es Pflicht in Deutschland.

Da Ali zudem schielt, soll er auch an den Augen operiert werden. Am besten, so Schmidt, fänden beide Operationen direkt hintereinander statt, dann käme man mit nur einer Vollnarkose aus. Als Op-Termin schlägt er Montag vor. Ob an diesem Tag allerdings auch Professor Lutz Welge-Lüßen von der Augenklinik Zeit hat, muss noch geklärt werden.

Da kommt Professor Ulrich Gottstein gerade recht. Der langjährige Chefarzt vom Frankfurter Bürgerhospital und Ehrenvorstand der Internationalen Ärzte zur Verhütung des Atomkriegs (IPPNW) klopft um 10.25 Uhr an die Tür des Behandlungszimmers. Er hat den Kontakt zum Bürgerhospital hergestellt. Gleich ruft er Welge-Lüßen zu Hause an und erfährt, dass der Arzt bereits auf dem Weg zur Klinik ist.

Gottstein ist es auch zu verdanken, dass beide Operationen im Bürgerhospital kostenlos sein werden. Offiziell werden sie wie eine Spende an die IPPNW-Kindernothilfe Irak e. V. verbucht. "Diese gute Nachricht habe ich vorgestern bekommen", erzählt Gottstein. Die IPPNW übernehmen auch die Kosten für Hin- und Rückflug der irakischen Gäste sowie deren Versicherung. Die Kosten des Aufenthalts zahlt Dr. Said Falyh aus eigener Tasche.

Nachdem in der Aufnahme die entsprechenden Dokumente unterschrieben worden sind, steht um 10.50 Uhr der nächste Termin an. Anästhesist Dr. Michael Skopp, Oberarzt am Frankfurter Bürgerhospital, will den kleinen Patienten und seinen Vater über den Ablauf der Narkose aufklären. "Ali darf bis drei Stunden vor der Op klare Flüssigkeit trinken", erläutert er. "Dann bekommt er einen Saft, der ihn rasch sehr müde macht." Da keine ernsten Vorerkrankungen oder Allergien vorliegen, ist man schnell durch. Auch Skopp beruhigt den Vater: "Das Risiko von Narkosen ist in Deutschland extrem gering."

Inzwischen kann Gottstein verkünden, dass sein Kollege Welge-Lüßen am Montag Zeit für die Schiel-Operation hat. Kareem Dawoud ist glücklich. Ali wird zwar eine Woche stationär in der Klinik bleiben müssen, da ihm nach der Op ein Blasen-Katheter gelegt werden muss. Aber der Vater weiß, dass diese Zeit eine wichtige Investition in die Zukunft seines Sohnes ist.

Die Arzthelferin Farah Loukili bringt die Gäste zur rund zwei Kilometer entfernten Kinderarztpraxis ihres Chefs. Heute ist Mittwoch, da ist die Praxis am Nachmittag geschlossen. Zeit für einen Stadtrundgang. Schließlich sollen die Gäste nicht nur Krankenhausluft atmen, sondern den Duft einer deutschen Großstadt schnuppern.

  • Sonntag, 16. März, 19 Uhr

Dr. Jabbar Said Falyh und seine beiden Gäste aus dem Irak haben es sich auf dem Sofa bequem gemacht. Im Fernsehen läuft das Programm eines irakischen Senders. "Mit Satellit kann ich 20 arabische Sender empfangen", erzählt der Pädiater.

Heute waren sie zusammen im Frankfurter Zoo. Danach haben sie einen weiteren Stadtbummel durch Frankfurt unternommen. Sie werden früh schlafen gehen an diesem Abend. Denn morgen ist es soweit. Dr. Al-Juber Kareem Dawoud und sein Sohn müssen bereits um sieben Uhr im Bürgerhospital sein. Die Operation wird etwa anderthalb Stunden dauern. Damit wird eine zweieinhalbjährige (!) Vorbereitung hoffentlich zu einem glücklichen Ende geführt.

Damals, im Oktober 2005, erfuhr Said Falyh zum ersten Mal von den gesundheitlichen Problemen des kleinen Ali. Sein Vater durfte jedoch das Land nicht verlassen, da die Regierung ein weiteres Ausbluten des Gesundheitswesens verhindern wollte. Später, als die Ausreise erlaubt war, verhinderte eine Hospitanz Kareems in einem englischen Krankenhaus die Operation seines Sohnes in Deutschland. Als Said Falyh im Januar dieses Jahres im Irak war, drängte er darauf, die Operation jetzt endlich in die Wege zu leiten.

Inzwischen verfügt der Frankfurter Pädiater über hervorragende Kontakte, die es ihm sehr erleichtern, Visa für die kleinen Patienten und deren Angehörige zu besorgen. Normalerweise müssen Iraker zur deutschen Botschaft nach Amman in Jordanien. Said Falyh hat jedoch einen "Kanal" nach Berlin. Hierher hat er die Versicherungspolice seiner Gäste, die Verpflichtungserklärung, die Zusage vom Krankenhaus sowie die Kostenübernahme durch die IPPNW gefaxt. Von dort wurden die Dokumente nach Bagdad weitergeleitet. Daraufhin fuhr Kareem Dawoud in die irakische Hauptstadt und stellte den entsprechenden Antrag bei der deutschen Botschaft. Zwölf Tage später durfte er wiederkommen, um seine Visa abzuholen. Das war vor genau einer Woche.

  • Dienstag, 18. März, 15.30 Uhr

Auf der Station A2, der Abteilung für Neugeborenen- und Kinderchirurgie im Bürgerhospital Frankfurt am Main, ist es ruhig. Gerade ist die Visite vorüber. In Zimmer 177 liegt der kleine Ali und lächelt. Seine Augen sind blutunterlaufen, aber er leidet keine Schmerzen mehr. "Heute hat er sogar schon ganz normal gefrühstückt", erzählt sein Vater, der das Zimmer mit Ali teilt. Nach der rund vierstündigen Operation gestern, die um 8 Uhr morgens begann und gegen Mittag endete, habe sein Sohn viel geschlafen. "Die Operation sei sehr gut gelaufen, sagen die Ärzte." Es habe keine Komplikationen gegeben, und wenn alles gut läuft, ist der Heilungsprozess in einer Woche abgeschlossen.

Für Dr. Al-Juber Kareem Dawoud ist dieser Aufenthalt eine völlig neue Erfahrung. "Das ist das erste Mal, dass ich in einem Krankenhaus nur Beobachter bin", sagt der Arzt. "Da wird der Tag ganz schön lang."

Täglich zweimal sehen die Ärzte nach Ali, um 8 und um 15 Uhr. Am Donnerstag wird der Augenarzt entscheiden, ob Ali heim darf, am Freitag oder Montag der Urologe.

Kareem Dawoud ruft jeden Abend seine Frau in Nasrija an, um ihr zu berichten, wie es dem ältesten Sohn geht. Ali vermisst seine Mutter genauso wie seine drei Geschwister. Am meisten aber den sechs Monate alten Mohammed, der immer "Dada" ruft, was in ihrer Sprache soviel wie "Bruder" heißt.

Im besten Fall, so hofft Vater Al-Juber, könnte sein Sohn schon am Freitag entlassen werden. Dann würden die beiden wieder für einige Tage zu Dr. Sabbar Said Falyh ziehen und am Montag nach Hause fliegen. "Nach Arbil gibt es nur diesen einen Flug pro Woche", so Kareem Dawoud. Wenn's nicht klappt, müssen sie noch eine Woche warten.

  • Dienstag, 25. März, 19 Uhr

Dr. Al-Juber Kareem Dawoud ist am Boden zerstört. In der Früh hat er die Hiobsbotschaft erhalten: Ali muss erneut operiert werden! In der Verlängerung seiner Harnröhre hat sich eine Fistel gebildet. Die Op ist für morgen angesetzt. Danach muss sich der kleine Patient wieder eine Woche erholen. Das bedeutet, dass Vater und Sohn frühestens am 7. April in ihre Heimat fliegen können!

Dr. Jabbar Said Falyh, gerade erst von einer viertägigen Tour in die Ukraine zurückgekehrt, wo er seinem 17-jährigen Neffen dabei helfen musste, eine Bresche durch den Dschungel der Bürokratie zu schlagen, redet mit Engelszungen auf seinen Kollegen ein. "Ärzte sind die schlimmsten Patienten", weiß er. "Besonders wenn sie nicht helfen können."

Auch Professor Ulrich Gottstein hat gleich zum Hörer gegriffen, um Kareem Dawoud seine Unterstützung zu versichern. Trost tut gut. Aber die Zeit vergeht dadurch nicht schneller.

  • Samstag, 5. April, 15 Uhr

Der Heilungsprozess ist nahezu abgeschlossen. Heute haben die Ärzte den Blasen-Katheter entfernt. Ali ist froh. Sein Vater ebenfalls! Endlich, endlich geht es nach Hause! Morgen wird der kleine Iraker entlassen, Montag Nacht startet das Flugzeug nach Arbil. Am kommenden Donnerstag will Dr. Al-Juber Kareem Dawoud im Krankenhaus in Nasirija vorsprechen. Nicht als Angehöriger eines Patienten, sondern als Arzt. Die Zeit des Abwartens ist vorbei, jetzt darf er wieder selbst tätig werden.

  • Montag, 7. April, 20.45 Uhr

Der Abschied naht. Ali, schon mit Mütze und Jacke, und sein Vater sitzen bei Dr. Jabbar Said Falyh auf dem Sofa. Im Flur steht ihr einziger Koffer.

Auch Professor Ulrich Gottstein ist gekommen. Trotz zweier gebrochener Rippen - eine Verletzung, die er sich bei einem Sturz zugezogen hat - lässt er es sich nicht nehmen, den irakischen Besuchern Lebewohl zu sagen. Deren Flugzeug startet um 23.55 Uhr und wird aller Voraussicht nach um 7.20 Uhr Ortszeit landen.

Es klingelt an der Tür. Das Taxi. Gemeinsam gehen sie hinunter auf die Straße. Ein letztes Dankeschön, ein letzter Händedruck, eine letzte Umarmung. Ali lächelt.

Nachher wird Dr. Jabbar Said Falyh auf seinem Sofa sitzen und an den nächsten Tag denken. Denn schon morgen Mittag landen die nächsten Patienten aus dem Irak auf dem Frankfurter Flughafen. Ein zweijähriges Kleinkind mit Herzscheidewanddefekt und ein 19-jähriger Leukämie-Patient, bei dessen Chemotherapie Komplikationen auftraten und dem deshalb ein Arm amputiert werden musste. Der Zweijährige soll am Deutschen Herzzentrum in Berlin operiert werden, der 19-Jährige in Erlangen-Fürth eine Armprothese erhalten. Die beiden Patienten aus Basra sollten schon vor einer Woche kommen, ihre Abreise wurde jedoch wegen der anhaltenden Kämpfe in der südirakischen Stadt verschoben.

"Manchmal ist das alles eine sehr große Belastung", sagt Said Falyh. "Aber was soll ich machen, ist halt so." Irak, so fügt er hinzu, sei eigentlich ein reiches Land. "Aber dort herrschen katastrophale Verhältnisse." Der dritte Golfkrieg vor fünf Jahren hat zwar zum Sturz von Diktator Saddam Hussein geführt, den Menschen aber keinen Frieden gebracht. Im Gegenteil: Hunderttausende Iraker sind gestorben, zwei Millionen außer Landes geflohen, zwei Millionen sind Flüchtlinge im eigenen Land. Mehr als die Hälfte der 34 000 Ärzte, die vor 2003 registriert waren, haben den Irak verlassen, 2000 Kollegen wurden ermordet. Nach wie vor werden Krankenhäuser geplündert, haben Ärzte Angst, zur Arbeit zu fahren. Das Gesundheitswesen Iraks liegt am Boden.

Einige Kilometer Luftlinie entfernt sitzt Professor Ulrich Gottstein an seinem Schreibtisch und macht sich Gedanken, wie er die offenen Rechnungen begleichen soll. Die IPPNW-Irak-Kinderhilfe muss noch 33 000 Euro an die Kinderchirurgie in Köln überweisen, die kürzlich eine komplizierte Darm-Blasen-Op an einem irakischen Kind vorgenommen hat. Vielleicht lässt der Chefarzt ja noch einmal mit sich reden und geht mit dem Preis runter. Ansonsten heißt es wieder, Spenden akquirieren. Die nächsten Patienten aus dem Irak landen morgen auf dem Flughafen. Und die Warteliste ist lang. Deshalb ist die Organisation auch auf der Suche nach Einrichtungen zur Betreuung verletzter Kinder. Langfristig ist auch die Einrichtung einer Ambulanz zur Behandlung traumatisierter Kinder in Bagdad geplant.

Infos bei Professor Ulrich Gottstein, Telefon 069-525053, E-Mail gottstein@vff.uni-frankfurt.de, oder Dr. Jabbar Said Falyh, Telefon 069-461003, E-Mail: jabbar.said-falyh@telemed.de

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