Ärzte Zeitung online, 26.08.2008

Ein Stalking-Opfer wandert für Opferschutz bis in die USA

HILDESHEIM (dpa). Bert Simon hat die Hölle durchgemacht. Der 37- Jährige wurde von einer Stalkerin terrorisiert und fast umgebracht. Jetzt steht der Fotograf und Langstreckenwanderer aus Hannover auf dem Marktplatz von Hildesheim und hat eine Mission: Er will auf die Situation von Verbrechensopfern aufmerksam machen - mit einem Marsch von Stuttgart zu dem gleichnamigen Ort in den USA.

Bert Simon wurde von einer Stalkerin schwer verletzt.

Foto: dpa

Der ursprünglich aus Schwaben stammende Simon hat seine Tour bereits gestartet.

Alles fing im Jahr 2002 an. Damals war Simons an Mukoviszidose erkrankte Verlobte Christine in der ARD-Talkshow Beckmann zu Gast und sprach über ihr Leben mit einer neuen Lunge. Eine ebenfalls an der Krankheit leidende Frau aus Bayern sah die Sendung und verliebte sich in Christine. Die Frau zog nach Hannover, suchte Kontakt zu dem Paar - und ließ es seitdem nicht mehr in Ruhe. Die Stalkerin sandte mehr als 2500 E-Mails, rief bis zu 60 Mal am Tag an und verschickte unzählige SMS-Nachrichten.

Oft fängt Stalking mit solchen zunächst gewaltlosen Taten an. Jährlich 600 000 Stalking-Fälle gibt es in Deutschland nach Schätzung der Opferschutzorganisation Weißer Ring. Oft kommt es irgendwann auch zu Übergriffen. "Brutalität scheint beherrschendes Element des Stalkings zu sein", sagt Simon. Das hat er am eigenen Leib erfahren.

Denn am 3. August 2006 eskalierte die Lage. Ohne Vorwarnung schlug die Stalkerin von hinten mit einem Hammer auf Simon ein. Die Arme und Beine des 37-Jährigen waren zunächst wie gelähmt, er verlor viel Blut. Seine Peinigerin rammte schließlich ein 25 Zentimeter langes Fleischermesser in seinen Oberschenkel, dann in Richtung Herz. Wäre nicht ein Nachbar zu Hilfe gekommen, hätte die Frau Bert Simon vermutlich umgebracht. Sechs Monate verbrachte er in Krankenhäusern. Noch bevor Simon entlassen wurde, starb seine Verlobte an den Folgen der Lungentransplantation.

Nun will Simon mit seiner Wanderung auf die Anliegen von Verbrechensopfern und deren Angehörigen aufmerksam machen. "Es ärgert mich, dass Verbrechensopfer in Deutschland so benachteiligt werden", sagt Simon. Noch immer spüre er die Nachwirkungen der Tat. Maximal dreieinhalb Stunden könne er nachts schlafen. Immer wieder sieht er die Bilder des Angriffs vor sich, spielt ständig mit dem Gedanken, sich umzubringen. Sein Gedächtnis funktioniert nicht mehr so gut und ein Tinnitus plagt ihn. (wie berichtet)

Die Wanderung ist für den 37-Jährigen auch eine Art Therapie. "Ich muss funktionieren. Die allermeisten Opfer von Kapitalverbrechen verlieren ihren Eigenantrieb und verfallen in Depressionen." Das will Simon auf keinen Fall. Er hat noch einen langen Weg vor sich.

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