Ärzte Zeitung online, 23.12.2008

Chefarzt kritisiert "Gesundheitsreligion"

KÖLN (dpa). Gesundheit hat sich nach Meinung des Chefarztes und Bestseller-Autors Manfred Lütz zu einer eigenen Religion entwickelt. "Gesundheitsratgeber sind die heiligen Schriften, Kliniken die Kathedralen und Ärzte die Halbgötter in Weiß. Die Gläubigen nehmen sogar Pilgerfahrten auf sich - zum Spezialisten", erläutert der Kölner Psychiater.

"Es ist geradezu eine Karikatur des Christentums. Ich bin Nichtraucher, aber die heutige Kampagne gegen Raucher hat für mich etwas Inquisitorisches."

Lütz, Autor des Sachbuches "Gott - Eine kleine Geschichte des Größten", führt den Gesundheits- und Fitnesskult auf den unbewussten Wunsch nach ewigem Leben zurück. "Das ist eine uralte Sehnsucht des Menschen, darauf deuten schon Höhlenzeichnungen hin. Und das lebt sich jetzt bei uns im Gesundheitssystem aus. Man redet den Leuten ein: "Wenn ihr nur wenig und gesund esst und viel Sport macht, dann lebt ihr ewig." Ergebnis: Die Leute leben nur noch vorbeugend - und sterben dann gesund", sagte er zur dpa. Wenn man als Arzt einem richtigen Gesundheitsfanatiker die Diagnose Krebs stellen müsse, reagiere dieser oft mit völligem Unverständnis. Solche Menschen hätten sich erfolgreich eingeredet, gegen Krankheit und Tod immun zu sein.

Unmerklich habe die "Gesundheitsreligion" das Menschenbild verändert. Als vollwertig betrachte man nur noch die Gesunden. "Behinderte, chronisch Kranke oder unheilbar Kranke sind Menschen zweiter oder dritter Klasse." Mit dem Tod vor Augen erscheine das Leben nicht mehr lebenswert. Dabei mache gerade die Endlichkeit den Reiz der menschlichen Existenz aus. "Nur dadurch, dass wir sterben, wird jeder Moment unseres Lebens unwiederholbar wichtig und kostbar. Wenn ich Ihnen das Datum Ihres Todes sagen könnte, dann würden Sie morgen schon anders leben, nämlich bewusster. Wer den Tod verdrängt, verpasst das Leben."

Gesundheit sei ein hohes Gut, räumte Lütz ein, aber es sei nicht das höchste. "Das Wichtigste ist nicht Gesundheit, sondern ein erfülltes, glückliches Leben. Viele Lachfalten im Gesicht, das ist doch das Schönste. Und nicht ewige Jugend."

Schreiben Sie einen Kommentar

Überschrift

Text

Die Newsletter der Ärzte Zeitung

Lesen Sie alles wichtige aus den Bereichen Medizin, Gesundheitspolitik und Praxis und Wirtschaft.

Weitere Beiträge aus diesem Themenbereich

Angst vor Stürzen sorgt für Verzicht auf Antikoagulans

Ein erhöhtes Sturzrisiko ist noch immer der häufigste Grund, auf eine orale Antikoagulation bei Vorhofflimmern zu verzichten. mehr »

Warum der Zuckersirup zum dicken Problem werden könnte

Seit Anfang Oktober gibt es in der EU keine Quotenregelung mehr für die aus Mais, Getreide oder Kartoffeln gewonnene Isoglukose. Experten befürchten eine Zunahme von Übergewicht und Diabetes. mehr »

Stotter-Therapie im virtuellen Raum

Geschätzt über 800.000 Bundesbürger stottern. Viele von ihnen ziehen sich komplett zurück, weil sie Ablehnung fürchten. Ein Ausweg: Therapie-Methoden, bei denen man zunächst zu Hause sprechen übt – online. mehr »