Ärzte Zeitung online, 29.12.2008

Gegen Ohrenklingeln: Plexiglas-Schutz im Orchestergraben

BRAUNSCHWEIG/BREMERHAVEN (dpa). Die Gruppe der Blechbläser ist im Orchester wohl nicht sehr beliebt. Trompeten und Posaunen tönen so laut, dass umsitzenden Musikern die Ohren klingeln - auch nach dem Konzert. Besonders, wer vor den Blechbläsern den Bogen führt, bedarf des Schutzes.

Sich die Ohren zuzuhalten oder Ohrenschützer zu tragen, sähe bei Musikern indes sehr merkwürdig aus und erschwerte das geordnete Zusammenspiel. Dennoch ist der Schallschutz auch an diesem Arbeitsplatz unmissverständlich geregelt, von der EU-Verordnung 2003/10/EG. Sobald es lauter wird als 85 Dezibel (dB), muss gehandelt werden, und das spätestens seit dem 15. Februar 2008. Dabei spielt es keine Rolle, ob jemand Querflöte spielt oder dröhnend Container stapelt.

Forscher um Ingolf Bork von der Physikalisch-Technischen Bundesanstalt (PTB) in Braunschweig haben einen Schallschutz für Orchestermusiker geschaffen, der im Stadttheater Bremerhaven mit sehr gutem Erfolg getestet wird. Im kritischen Bereich oberhalb von 250 Hertz senkt der Schirm den Schallpegel am Ohr vieler Musiker um bis zu 20 dB.

Einige Zahlen zum Vergleich: In einer Wagner-Oper können Lärmwerte von 120 Dezibel (dB) und mehr erreicht werden - das liegt jenseits der Schmerzgrenze. Flüstern bringt 25 dB, ruhige Büroumgebung 40 dB, normales Gespräch 60 dB, dichter Verkehr 80 dB, ein startender Jet in 25 Metern Entfernung 140 dB.

Die neue Wand steht im Rücken des zu schützenden Musikers. Damit der dahinter sitzende Kollege noch sehen kann, ist der obere Teil durchsichtig. Dieser ist aus Plexiglas geformt und wird zudem in einem Winkel von 45 Grad über den vorne sitzenden Musiker hinweg geführt. Damit wird der Schall über den Kopf des Spielers nach oben geleitet. Der untere, graue Teil der Wand aus einem Kunststoff namens Basotect lässt einfallenden Schall in feinste Poren eindringen, wo seine Energie in Wärme umgesetzt wird. Der nach unten abgestrahlte Schall stört damit weder den Vordermann noch den lauten Musiker.

"Die Lärmbelästigung im Orchestergraben war schon immer ein Problem, aber es bedurfte dieses Anstoßes, um wirklich etwas zu tun", sagt der Generalmusikdirektor in Bremerhaven, Stephan Tetzlaff, mit Blick auf die Order aus Brüssel. In seinem Hause stehen die transparenten Schutzwände nur im engen Orchestergraben. Auf der großen Bühne nehmen die Musiker mit deutlich mehr Abstand Platz, was die Probleme mindert. Das Publikum bekommt vom aufragenden Plexiglas also gar nichts mit.

Der neue Schutz nehme zwar etwas Platz weg, aber die Vorteile überwögen klar, sagt Tetzlaff. Das gelte auch für ihn selbst: "Ich habe früher auf dem rechten Ohr - dort, wo die Bläser sitzen - nach der Vorstellung auch ein Klingeln gehabt. Das Ergebnis ist verblüffend und eine enorme Verbesserung." Vorher seien vielfach einfache Plexiglaswände ausprobiert worden, oder ein Schallschutz an der Lehne der Stühle. "Aber nun wird der Klang gleich da, wo er entsteht, aus dem Graben heraus zum Publikum hin geleitet. Die Akzeptanz im Orchester ist groß, besonders bei fürchterlich lauten Stücken wie Salome oder Turandot."

Zwar gebe es auch kommerziell gefertigte Schirme, aber die sind nach Überzeugung des PTB-Forschers viel zu klein. "Da wandert der Schall ziemlich problemlos herum und die Schutzwirkung ist fast Null", so Bork. In besonders schlimmen Fällen fingen gekrümmte Modelle sogar den Schall der Kollegen oder den eigenen wie in einem Brennglas ein, und das Problem werde noch verstärkt. Das PTB-Modell ist daher sehr groß. Der Schirm aus Braunschweig ist nicht geschützt und kann von den Orchestern nachgebaut werden.

Die Idee dafür entstand während der Arbeit an dem Leitfaden, den die Bundesanstalt für Arbeitsschutz und Arbeitsmedizin zurzeit ausarbeitet. Er soll Orchestern und Musikern konkrete Hinweise geben, wie die EU-Richtlinie umgesetzt werden kann, heißt es bei der PTB. Bork war als Spezialist für genaue Schallpegelmessungen beteiligt. Für gewöhnlich arbeitet er in der Zulassungsprüfung von Schallpegelmessgeräten. Diese helfen zum Beispiel der Polizei, um - gerichtlich unanfechtbar - getunte Mofas zu finden.

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