Ärzte Zeitung online, 05.01.2009

Beliebte Halbgötter in Weiß: Arztserien als Flucht in heile Mediziner-Welt

Berlin (dpa) - Sie sehen blendend aus, hören sich die Sorgen der Patienten aufmerksam an und meistern selbst die schwierigsten Operationen mit Bravour: Ärzte sind noch immer die unangefochtenen Halbgötter in Weiß - zumindest im Fernsehen. So schalten in Deutschland wöchentlich mehrere Millionen Zuschauer bei TV-Serien wie "Dr. House", "Grey's Anatomy" oder "In aller Freundschaft" ein.

Beliebte Halbgötter in Weiß: Arztserien als Flucht in heile Mediziner-Welt

Hat auch in Deutschland eine große Fangemeinde: Dr. Gregory House, dargestellt vom britischen Schauspieler Hugh Laurie.

Foto: RTL

Damit gehören die Arztgeschichten aus Deutschland und den USA seit Jahren zu den erfolgreichsten Serien. Schließlich attestieren ihnen selbst "echte" Mediziner einen großen Bezug zur Realität.

Daher werden auch immer wieder neue Programme rund um den Medizineralltag produziert. Vor kurzem startete beispielsweise bei Sat.1 - allerdings mit weniger Erfolg - "Dr. Molly & Karl", am 29. Januar soll beim selben Sender die "Klinik am Alex" hinzukommen.

Beim ZDF wird von diesem Donnerstag an Wayne Carpendale als Walter Plathes Nachfolger in "Der Landarzt" zu sehen sein. ProSieben hingegen zeigt im kommenden Jahr die bereits achte Staffel der Nachwuchsmediziner "Scrubs" sowie die 15. Runde des Dauererfolgs "Emergency Room".

"Eine Arztserie ermöglicht mehr als andere Serien die Flucht in eine Traumwelt", erklärt die Medienpsychologin Katrin Döveling von der Freien Universität Berlin den Erfolg dieser TV-Formate. "Ärzte genießen noch heute ein hohes Ansehen in der Gesellschaft, deswegen sind Geschichten mit ihnen im Zentrum für viele Zuschauer besonders attraktiv." Darüber hinaus seien die TV-Doktoren einfühlsamer als manch ein unter Termindruck stehender Arzt in der Realität - auf dem man auch noch lange im Vorzimmer warten und trotzdem lästige Praxisgebühren zahlen müsse.

"Außerdem werden in diesen Serien gesundheitliche und zwischenmenschliche Probleme innerhalb von kürzester Zeit gelöst - das beruhigt viele Menschen, weil Krankheiten und schwierige Beziehungen jeden von uns betreffen", weiß Döveling. "Wenn die Zuschauer dann noch merken, dass selbst Ärzte mal Probleme haben und sich dennoch für ihre Patienten engagieren, dann sehen sie das als ein Indiz dafür, dass die Welt irgendwie doch ganz gut sein kann."

Eine heile Welt bot einst auch schon "Die Schwarzwaldklinik"

Eine heile Welt bot einst auch schon "Die Schwarzwaldwaldklinik" an. Das Team um den charmanten Professor Klaus Brinkmann alias Klausjürgen Wussow riss in den 80er Jahren bis zu 23 Millionen Zuschauer in den Bann. Die Mischung aus menschelndem Mediziner und herzlichem Personal war damit eine der Initialzündungen für weitere Arztserien in Deutschland.

Die heutigen Formate unterscheiden sich jedoch zum Teil erheblich voneinander: Während "Der Bergdoktor" seine Patienten vor malerischer Kulisse besonders einfühlsam behandelt, läuft "Dr. House" griesgrämig über die Krankenhausflure - spornt dabei aber seine Mitarbeiter selbst bei scheinbar aussichtslosen Fällen zu wundersamen Höchstleistungen an.

Das sind laut Medienwissenschaftlerin Döveling auch die entscheidenden Unterschiede zwischen den deutschen und den US- amerikanischen Produktionen: Die hiesigen Doktoren arbeiten meist in anheimelnden Umgebungen inmitten idyllischer Landschaften und pflegen engen Kontakt zu ihren Patienten. Den US-Arzt an sich hingegen scheint es vor allem in Kliniken zu geben, wo ein besonderer Fokus auf den Beziehungen zu den Kollegen liegt.

Doch egal, ob die Charaktere dabei überspitzt oder klischeehaft überzogen werden: Selbst "echte" Mediziner haben an den Arztserien kaum etwas einzuwenden. ""Dr. House" ist beispielsweise erstaunlich realistisch, was die medizinischen Fragen, aber auch die Atmosphäre und den Ton in der Medizin angeht", sagt Stefan Willich, Internist vom Berliner Universitätsklinikum Charité.

Auch der Verband der Ärzte Deutschlands, der Hartmannbund, kann den Serien nur Gutes abgewinnen. "Die Personen als Ärzte werden fast nie als arbeitsunwillig oder inkompetent dargestellt", findet Sprecher Michael Rauscher. Im Gegenteil: "Vielmehr werden sie als stets einsatzbereit und oft sogar als einfühlsam und aufopfernd für die Patienten dargestellt."

Literatur: Katrin Döveling, Lothar Mikos, Jörg-Uwe Nieland (Hg.): Im Namen des Fernsehvolkes. Neue Formate für Orientierung und Bewertung. UVK, ISBN 978-3-86764-023-7

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