Ärzte Zeitung online, 13.02.2009

Streit um Salz in Brot und Breze - Wirbel um neues EU-Gesetz

MÜNCHEN/BRÜSSEL (dpa). Es sei "Bürokratiewahnsinn" und ein Angriff auf die "Geschmacksvielfalt unserer deutschen Backwaren": Die Bäcker laufen Sturm gegen EU-Pläne zur Festlegung von Salz-Grenzwerten in Brot und Brötchen. Vor allem die bayerischen Bäcker sind erbost: Die traditionelle Breze und auch das Salzstangerl mit dem extra aufgestreuten Salz wären nach den Vorschlägen der EU dann nicht mehr "gesund".

Gerade in Bayern gebe es eine besondere Vielfalt an Backwaren, erläutert der Landesinnungsmeister des bayerischen Bäckerhandwerks und Vizepräsident des Zentralverbandes des Deutschen Handwerks, Heinrich Traublinger. "Wir betrachten unsere Backwaren als gesund und wir lassen sie nicht diskriminieren", sagt Traublinger. "Wenn ich die Idee der Europäischen Union weiterspinne, müsste künftig in der Gaststätte das Salzbüchserl am Tisch verschwinden."

Zwar soll Brot mit höherem Salzgehalt nicht verboten werden - aber es darf nicht mehr als "gesund" bezeichnet werden, selbst wenn es sich um Vollkornbrot handelt. Die EU-Kommission will mit sogenannten Nährwertprofilen von Nahrungsmitteln die Verbraucher aufklären und zu einer gesünderen Ernährung bringen. Schon vor gut zwei Jahren hatten die EU-Mitgliedstaaten - also auch Deutschland - und das Europaparlament die Brüsseler Behörde beauftragt, solche "Nährwertprofile" zu erstellen. Daraufhin erarbeitete die Kommission mithilfe der Europäischen Behörde für Lebensmittelsicherheit (EFSA) Vorschläge. Nach einer öffentlichen Konsultationsphase mit Verbraucherschützern, Industrievertretern oder Wissenschaftlern sollen die "Nährwertprofile" demnächst im zuständigen Ausschuss für Lebensmittel von Vertretern der EU-Staaten verabschiedet werden.

Die Profile sollen sicherstellen, dass das, was auf der Packung steht, auch stimmt. "Fettarm", "zuckerfrei", "ballaststoffreich", "gut für die Abwehrkräfte" nennen sich jetzt schon viele Lebensmittel - oft zu Unrecht. Mit der Neuregelung soll sichergestellt werden, dass die Angaben richtig und wissenschaftlich fundiert sind, heißt es bei der EFSA in Parma. "Nur bei Produkten, die echte gesundheitliche und ernährungstechnische Vorteile bieten, darf auf Etiketten und bei der Vermarktung darauf Bezug genommen werden", fordern die Experten. Übersteigt zum Beispiel der Fettgehalt eine bestimmte Höchstgrenze, darf das Produkt nicht mehr als "gesund" bezeichnet werden - und als "fettfrei" schon gar nicht.

Beim Brot soll es die Kennzeichnung "gesund" laut Kommissionsvorschlag nur noch geben, wenn je 100 Gramm maximal etwa ein Gramm Salz verwendet wurde - schließlich fördert zu viel Salz allerlei Krankheiten wie Bluthochdruck und Herz-Kreislauf-Erkrankungen. In Deutschland sind im fertigen Brot jedoch üblicherweise meist 1,5 bis 2 Gramm. Das Salz im Teig sei wie Gewürze auch notwendig, damit das Korn überhaupt seinen vollen Geschmack entfalten kann, erläutert Traublinger, der mit seiner Familie als gelernter Bäckermeister selbst einen eingesessenen Betrieb führt.

Nun fürchten Bäcker und Verbraucher einen europäischen Einheitsteig, der auch noch fad und pappig schmeckt. Auch Bayerns Europaministerin Emilia Müller (CSU) setzte sich gegen die Salz-Regelung ein, und der FDP-Bundestagsabgeordnete Daniel Volk sagt: "Europa steht für Freiheit - lasst den Bayern deshalb ihre Brezn."

Die Kommission weist den Protest zurück. Ein Produzent müsse die Obergrenzen ja nur dann einhalten, wenn er Nährwert- oder Gesundheitsaussagen für sein Produkt treffen wolle, betonen Kommissionsexperten. "Ohne sie kann also weiterhin jeder Bäcker sein Brot mit soviel Salz backen, wie er will." Und vor allem gehe es ja im Kern um die Frage, ob etwa Hersteller von Milchschokolade oder stark gezuckerten Vitamin-Bonbons oder Joghurts ihre Produkte in der Werbung oder auf der Verpackung als "gesund" bezeichnen dürfen.

Dennoch: Der Protest der Bäcker-Lobby - vor allem des europäischen Dachverbands CEBP - trägt Früchte. Wenn der Ausschuss in einigen Wochen abstimmt, dann vermutlich über einen Kompromiss. Denkbar sei, dass die Obergrenze von einem Gramm erhöht werde, sagt ein deutscher Diplomat. Oder, dass beispielsweise in einem gesunden Vollkornbrot auch bei einem höheren Gehalt die Bezeichnung "gesund" erlaubt bleibt. "Wir haben uns dafür eingesetzt, dass Rücksicht genommen wird auf Traditionen und unterschiedliche Ernährungsgewohnheiten."

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