Ärzte Zeitung, 15.07.2009

Wettbewerb im Gesundheitswesen muss Grenzen haben

Vorsitzender der Deutschen Bischofskonferenz Robert Zollitsch erläutert Position der Katholischen Kirche

BAD MERGENTHEIM (fuh). Der Umgang mit Demenz ist zu einseitig auf ökonomische Aspekte der Krankheit ausgerichtet. "Eine gesunde Balance zwischen Ökonomie und Ethik wird derzeit nicht erreicht". Diese Auffassung hat der Freiburger Erzbischof Robert Zollitsch bei einer Tagung in Bad Mergentheim vertreten.

Wettbewerb im Gesundheitswesen muss Grenzen haben

Warnt vor Überbewertung der Ökonomie im Gesundheitswesen: der Freiburger Erzbischof Robert Zollitsch.

Foto: dpa

Generell sei zu beobachten, dass ökonomische Zwänge - auch vor dem Hintergrund einer effektiven Ressourcenzuteilung - ethische Erwägungen im Gesundheitswesen zunehmend verdrängen, kritisierte Zollitsch, der auch Vorsitzender der Deutschen Bischofskonferenz ist.

Lob für die Bundesärztekammer

Vor diesem Hintergrund fordern die deutschen Bischöfe deshalb einen gesamtgesellschaftlichen Diskurs zur Zukunft des Gesundheitswesens, sagte Zollitsch. Ausdrücklich würdigte der Erzbischof in diesem Zusammenhang die Bundesärztekammer. Als "verantwortlicher Akteur" bemühe sie sich darum, "ethischen Prinzipien eine angemessene Beachtung" zu verschaffen.

"Der Grundgedanke richtig verstandener Ökonomie - ein langfristig verantwortlicher und möglichst effizienter Umgang mit knappen Ressourcen - steht zunächst in keinem Widerspruch zur Katholischen Soziallehre", erläuterte Zollitsch. Es sei also durchaus sinnvoll, im Gesundheitswesen bis zu einem bestimmten Grad marktwirtschaftliche Gesichtspunkte zu berücksichtigen und stärker als bisher auf Elemente des Wettbewerbs zu setzen. Zugleich stellte er aber auch unmissverständlich klar, dass diese Rahmenvorgaben aus Sicht der Kirche klare Grenzen haben.

Ein System sei nicht dann sozial, wenn es alle gleich behandele, sondern wenn sicher sei, dass niemand ausgeschlossen werde und wenn "die Gemeinschaft übernimmt, was die Möglichkeiten des Einzelnen übersteigt". Hier setze die Verantwortung des Staates ein, der die Rahmenbedingungen für die Gestaltung des Wettbewerbs regeln müsse - in Rücksprache mit den Beteiligten.

Zollitsch warnte davor, Gesundheit als Wert absolut zu setzen. "Unsere körperlichen und seelischen Kräfte erschöpfen sich, unsere Arbeitskraft und Lebenszeit sind begrenzt", sagte er. Für Ärzte müsse es deshalb darum gehen, "für das Leben zu kämpfen" - aber auch um die Grenzen des Lebens zu wissen. "Im Gesundheitswesen ist es wichtig, dass das Sterben als Teil des Lebens begriffen wird und nicht als Scheitern aller Bemühungen um Kranke", sagte der Erzbischof.

Der ökonomische Wert-Begriff dürfe keinesfalls auf Menschen angewendet werden. Zollitsch: "Wer in diesem Sinn vom Wert des Menschen spricht, für den ist es nicht mehr weit zum Begriff des unwerten Lebens."

Es geht nicht nur um das "Reparieren von Defekten"

Von Ärzten forderte der Erzbischof darüber hinaus, sich nicht als Vertreter eines Berufs zu sehen, "der nur die Reparatur eines bestimmten körperlichen Defekts vornimmt". Wann immer möglich, sollten Ärzte "den ganzen Menschen mit seinem körperlichen und seelischen Leid" in den Fokus ihrer Arbeit nehmen.

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