Ärzte Zeitung online, 16.07.2009

Verhaftung von Mutter erzürnt Israels Orthodoxe

JERUSALEM (dpa). Sie entspricht so gar nicht dem Idealbild der rundlichen "jiddischen Mamme", der ihr Kind liebend umsorgenden und nährenden jüdischen Mutter: Die Verhaftung einer "Rabenmutter" aus dem Orthodoxen-Viertel Mea Schearim in Jerusalem, die ihren dreijährigen Sohn lebensbedrohlich ausgehungert haben soll, treibt die ultra-orthodoxe Gemeinde auf die Barrikaden.

So verstörend ist der Bericht der Polizei, dass die Gemeinde ihm keinen Glauben schenken will. Die Minderheit, die sich ohnehin von den säkularen Behörden Israels verfolgt fühlt, reagierte mit schweren Unruhen und forderte die sofortige Freilassung der 30-Jährigen.

Die Professorin Tamar El-Or von der Abteilung für Soziologie und Anthropologie der Hebräischen Universität Jerusalem sieht die Reaktion als Verdrängung eines allgemeineren Problems. Das ideale Mutterbild sei eine "heilige Kuh" der strengreligiösen Gemeinde, die auch unter ärmsten Lebensbedingungen zu Kinderreichtum ermutigt, sagte sie am Donnerstag. Familien mit zehn oder mehr Kindern sind in Mea Schearim nicht ungewöhnlich.

Oft sind die orthodoxen Väter nicht berufstätig, sondern studieren jahrelang in einer Bibelschule, und die überforderten Mütter müssen zusätzlich zur Versorgung der vielen Kinder noch Geld verdienen. "Das schwächste Glied sind dabei die Mütter, von denen viele unter dem Druck des täglichen Lebens zusammenbrechen." Sie fürchteten jedoch häufig, sich für psychologische Hilfe an die staatlichen Behörden zu wenden. Die westlichen Methoden der psychologischen Betreuung werden außerdem von vielen spirituellen Führern der Ultra-Orthodoxen als fremder Einfluss abgelehnt.

Die Verdrossenheit der Ultra-Orthodoxen in Jerusalem dauert jedoch schon seit dem Wahlsieg des weltlich orientierten Bürgermeisters Nir Barkat im November vergangenen Jahres an, der das Amt von einem strengreligiösen Vorgänger übernahm. Die "Charedim", wie die Orthodoxen auf Hebräisch heißen, fühlen sich von ihm verfolgt und in ihren Rechten beschnitten. Seine Entscheidung, einen öffentlichen Parkplatz in der Hauptstadt am heiligen Sabbat zu öffnen, führte in den vergangenen Wochen bereits mehrmals zu schweren Unruhen. Die gewaltsamen Auseinandersetzungen mit der Polizei verstärkten dabei nur das Feindbild der Polizei als Handlanger einer "fremden Macht".

Doch das Interesse der Israelis gilt vor allem dem dreijährigen Jungen, der bis aufs Skelett abgemagert ins Krankenhaus gebracht wurde. Die Zeitung "Jediot Achronot" veröffentlichte am Donnerstag ein erschütterndes Schwarz-Weiß-Bild des Kindes mit vorstehenden Rippen und dürren Ärmchen. Mit drei Jahren wog er nur sieben Kilo, soviel wie normalerweise ein vier Monate alter Säugling. Die Ärzte glauben, die Mutter sei psychisch krank und habe das Kind misshandelt, um selbst ärztliche Aufmerksamkeit zu bekommen.

Seit der Trennung von der Mutter erholt sich der Junge langsam und nimmt zu. "Hier ist ein Kind gerettet worden, das vom Tode bedroht war", sagte Wohlfahrtsminister Izchak Herzog am Donnerstag. Er erklärte, die religiöse Gemeinde schade sich mit den Unruhen letztlich selbst und riet zu einem Dialog mit den Behörden. Diese hätten immerhin mit der Rettung des Kindes ihre "höchste Pflicht" erfüllt.

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