Ärzte Zeitung online, 17.07.2009

Geringe "Bevölkerungsdichte" ließ Neandertaler aussterben

BONN/WASHINGTON (dpa). Es war offensichtlich die extrem geringe "Bevölkerungsdichte" des Kontinents, die für die Neandertaler das bislang rätselhafte Ende ihrer Art bedeutet hat: Wohl kaum mehr als 7000 bis allerhöchstens 10 000 dieser frühen Menschen haben in der Spätphase der Neandertaler-Epoche gleichenzeitig Europa besiedelt. Dies ist eines der überraschenden Ergebnisse der bisher umfangreichsten Neandertaler-Gen-Studie, die an diesem Freitag im US-Fachjournal "Science" (Bd. 325, S. 318) erscheint.

Seuchen oder schlechte Ernährungsbedingungen hätten damit ein ganz leichtes Spiel bei der Ausrottung der Neandertaler gehabt, meint der Bonner Urgeschichtler Ralf Schmitz als Mitautor der Studie: "Dann ist so eine kleine Population empfindlich und auf einmal sang- und klanglos verschwunden." Bisher sei man von bis zu 50 000 gleichzeitig lebenden Neandertalern ausgegangen, die nach gängiger Annahme vor knapp 30 000 Jahren vom nachfolgenden Homo sapiens verdrängt worden seien.

Weiterhin, so erläutert Schmitz, belege die Untersuchung erneut eindeutig, dass der populärste Urmensch der Welt nicht in die Ahnenreihe heutiger Europäer gehöre. Schon vor rund einem Jahrzehnt hatte ein erster Vergleich zwischen dem Erbmaterial des Namenspatrons aus dem Neandertal mit der DNA moderner Menschen die These bestätigt, dass der ferne Vetter heutiger Europäer einen abgestorbenen Zweig der Evolution darstellt. Damit bekomme auch die heftig diskutierte "Out of Africa"-Theorie neuen Aufwind, wonach der moderne Mensch vor rund 100 000 Jahren aus seiner Urheimat Afrika nach Europa eingewandert sei.

Für die jüngste Studie hatte die internationale Gruppe um Adrian W. Briggs vom Leipziger Max-Planck-Institut für evolutionäre Anthropologie erstmals Gen-Material von gleich sechs Neandertaler-Skeletten untersucht - mit Methoden, "von denen wir vor drei Jahren noch geträumt haben", wie Gruppenmitglied Schmitz betont. Die untersuchten Neandertaler lebten vor 60 000 bis 40 000 Jahren in Spanien, dem Neandertal, Kroatien und dem Kaukasus.

Konzentriert haben sich die Forscher auf die ausschließlich über die Mutter vererbte DNA der Mitochondrien (mtDNA), deren 16 500 Buchstaben mittlerweile vollständig gelesen werden könnten: Zur Verblüffung der Wissenschaftler war hier der Befund des 1856 gefundenen Namenspatrons aus dem rheinischen Neandertal mit einem kroatischen Verwandten so absolut identisch, dass die Forscher zunächst an einen Messfehler glaubten.

Grund ist jedoch eine gemeinsame Vorfahrin der beiden und ein ausgeprägtes Wanderverhalten. Überhaupt ähneln sich laut Studie trotz geografischer Bandbreite alle späten Neandertaler genetisch sehr. Hierfür sorgte sowohl die insgesamt geringe Population als auch ein genetischer Flaschenhals: Sicher habe sich diese Urmenschenform nach einem frühen Beinahe-Ende vor dem endgültigen Aussterben nochmals erneut vermehrt, beschreibt der Abteilungsleiter für Vorgeschichte am Bonner Landesmuseum.

Dass sich in der männlich wie weiblich vererbten Kern-DNA des Neandertalers, die derzeit am Max-Planck-Institut in Leipzig entziffert wird, doch noch Verwandtschaftsspuren der ausgestorbenen Eiszeitjäger zu heutigen Menschen finden könnten, hält der Urmenschen-Experte Schmitz für extrem unwahrscheinlich: "Dann müssten über viele Jahrtausende immer nur Neandertaler-Männer die Sapiens-Frauen geschwängert haben." Diesem "Konstrukt" stünde wohl alle menschliche Lebenserfahrung entgegen.

Fachartikelnummer DOI: 10.1126/science.1174462

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