Ärzte Zeitung online, 30.07.2009

Eltern verstecken 13-Jährige jahrelang - Jugendamt tatenlos?

PRENZLAU/LÜBBENOW(dpa). In Brandenburg sollen Eltern ihre 13- jährige, geistig behinderte Tochter neun Jahre lang zu Hause versteckt haben, ohne dass das Jugendamt einschritt. Das Mädchen Jennifer aus dem Uckerland-Ortsteil Lübbenow wurde nie zur Schule geschickt. Gegen die Eltern wird nun wegen Verletzung der Fürsorgepflicht und wegen Misshandlung von Schutzbefohlenen ermittelt. Wenn sich die Hinweise verdichten sollten, will die Staatsanwaltschaft auch gegen das Jugendamt ermitteln.

Nach Angaben des Landrats Klemens Schmitz (parteilos) ist das Mädchen in einer Klinik. Es sei bei den Eltern in Windeln gefunden worden und zeige autistische Verhaltensmerkmale. Das Kind sei geistig behindert und habe körperliche Schäden, sagte der Neuruppiner Oberstaatsanwalt Jürgen Schiermeyer am Mittwoch der Deutschen Presse-Agentur dpa. Ob und in welchem Maße dies auf das Verhalten der Eltern zurückzuführen sei, werde nun geprüft.

Schiermeyer sprach von einem "verwahrlosten Pflegezustand" des Mädchens, Details nannte er nicht. Er betonte aber: "Es gibt keinen Verschlag, in dem das Kind leben musste, und keine verschlossenen Türen." Und es gebe keine Hinweise, dass das Kind geschlagen wurde. Das Mädchen soll mindestens seit dem Umzug der Eltern aus Berlin vor etwa neun Jahren von der Außenwelt abgeschottet worden sein. Die 13-Jährige habe zwei Geschwister.

Die Bürgermeisterin von Uckerland, Christine Wernicke, sagte, der Gemeindeverwaltung sei schon vor vier Jahren aufgefallen, dass ein Mädchen aus der Familie nicht eingeschult wurde. Das Jugendamt in Prenzlau sei damals informiert worden. Der Landrat sprach von einem schweren Fehlverhalten innerhalb des Jugendamtes. Die Situation sei dem Jugendamt seit April 2006 bekannt gewesen.

Ein Mitarbeiter des Jugendamtes habe damals die Familie besucht, aber keine Anzeichen für eine Gefährdung des Kindeswohls entdeckt, sagte Schmitz. Die Eltern hätten behauptet, die Tochter sei wegen der Behinderung von der Schulpflicht befreit. Das Jugendamt habe es aber versäumt, sich diese Befreiung vorlegen zu lassen.

Jugendminister Holger Rupprecht (SPD) zeigte sich erschüttert. Nachbarn der Familie in der Uckerland-Gemeinde Lübbenow mit ihren etwa 350 Einwohnern müssten von der 13-Jährigen gewusst haben. "Wenn dann jahrelang nicht reagiert wird, dann macht mich das sprachlos."

Die anonyme Anzeige eines Nachbarn der Familie habe den Stein am 15. Juli ins Rollen gebracht, sagte Kreissprecherin Ramona Fischer in Prenzlau. Das Jugendamt zog einen Arzt hinzu, der das Mädchen in ein Krankenhaus einwies. Am Dienstag habe das Familiengericht auf Antrag des Jugendamts den Eltern das Sorgerecht für das Mädchen teilweise entzogen.

Nach Einschätzung einer Mitarbeiterin des Jugendamts schämten sich die Eltern für ihre behinderte Tochter, wie Fischer sagte. Scham könnte auch nach Einschätzung des Potsdamer Psychologen Günter Esser tatsächlich Auslöser dafür gewesen sein, dass die Eltern ihre behinderte Tochter versteckten.

Rupprecht versicherte, dass sich ein solcher Fall nach menschlichem Ermessen heute nicht wiederholen könne. Seit 2005 müssen Kinder vor der Einschulung bei der Schule vorgestellt werden. Geschieht dies nicht, wird das Jugendamt eingeschaltet.

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