Ärzte Zeitung online, 03.08.2009

Blinder Rennfahrer Mackel fährt nach Gehör und Gedächtnis

FREIENSTEINAU(dpa). Wenn Ralf Mackel sich auf der Rennstrecke hinters Steuer setzt, ist seine Lebensgefährtin in steter Sorge. "Mir bleibt manchmal fast das Herz stehen. Ich kann dann gar nicht hinschauen", erzählt die 55-Jährige. Beruhigen kann Birgit Dehren auch nicht, dass ihr Freund sämtliche große Rennstrecken in Deutschland blind kennt.

Buchstäblich blind. Mackel kann von Geburt an nicht sehen. Er kann nur Hell von Dunkel unterscheiden. Das hindert ihn aber nicht daran, seiner Leidenschaft nachzujagen: Rennen fahren - egal ob mit dem Auto, dem Motorrad oder auf dem Quad.

In Fachkreisen hat sich der 44-Jährige aus dem osthessischen Freiensteinau längst einen Namen gemacht: als einziger blinder Rennfahrer weltweit. Mit Gegnern kann sich der motorsportverrückte Vogelsberger jedoch nicht messen. Er darf nur allein auf abgesperrten Strecken fahren. Das macht er jedoch so schnell und so gut, dass er schon unter anderem im Rahmenprogramm der Deutschen Tourenwagen-Meisterschaft (DTM) aufgetreten ist. Der ehemalige DTM-Fahrer Manuel Reuter schüttelte danach nur ungläubig den Kopf und staunte: "Wenn es einem keiner sagt, fällt es überhaupt nicht auf, dass der Mann blind ist."

Mittlerweile hat der japanische Motorradhersteller Kawasaki mit Mackel einen Kooperationsvertrag geschlossen. Er arbeitet als Repräsentant und tritt bei Veranstaltungen auf. "Wir wollen diesen ungewöhnlichen und durchsetzungsfähigen Mann unterstützen", sagt Christiane Urban von der deutschen Kawasaki-Niederlassung in Friedrichsdorf.

Bei einigen Rennställen und Herstellern ist Mackel auch als Tester oder Ratgeber tätig. "Manche Bedienelemente sollte man ja auch blind steuern können", erklärt Mackel, bei dem sich ein enorm gutes Gehör entwickelt hat. "Ich höre bei einem Motor die kleinsten Fehler, da kommt manchmal selbst ein Ingenieur nicht mit", sagt der ehemalige Chef einer Autowerkstatt. "Ich kann in Frequenzbereichen hören, die viele nicht wahrnehmen." Zum Beispiel könne er mitunter den Pfiff einer normalerweise für Menschen unhörbaren Hundepfeife vernehmen.

Das außergewöhnliche Gehör ermöglicht ihm auch, sich auf der Rennstrecke zurecht zu finden. Der Widerhall, der von Tribünen, Mauern oder Reifenstapeln zurückgeworfen wird, gibt ihm Orientierung. "Das alles kann ich deutlich hören. Ich weiß dann, wo ich bremsen und einlenken muss."

Doch ehe er etwa aufs Motorrad steigt, steht dem gelernten Programmierer viel Kopfarbeit bevor. Zuerst folgt er mit dem Finger einer Skizze des Kurses. "Das ergibt ein grobes, gedankliches Bild", erklärt Mackel. Dann fährt er hinter einem erfahrenen und vor allem sehenden Fahrer her und orientiert sich allein an den Geräuschen der voranfahrenden Maschine. Später prägt er sich die Schallinformationen der Strecke links, dann rechts ein. "Am Ende fahre ich mit einer Kamera. Das wird dann ausgewertet." Letztlich dauert es rund zehn Tage, eine neue Strecke kennenzulernen. "Das ist für den Kopf enorm anstrengend, weil man sich wie in einem Film alles Stück für Stück merken muss." Wenn ein Reifenstapel über Nacht umgesetzt wird, merkt er das sofort.

Viele Strecken kennt Mackel mittlerweile so gut wie daheim den Weg ins Schlafzimmer. Auf dem Hockenheimring war er auch schon als Renntaxifahrer unterwegs. Wenn er Auto fährt, lässt er immer einen Spalt das Fenster auf, damit er die Strecke hören kann. Damit das besser klappt, trägt er einen extra angefertigten Spezialhelm.

Die Leidenschaft "für alles, was brummt" hat Mackel früh gepackt. Als Fünfjähriger habe er sich das Mofa der Mutter für eine Spritztour geborgt. Als er im Blinden-Internat in Friedberg war, schnappte er sich auch schon mal den Autoschlüssel einer Erzieherin. "Bin zur Disco gefahren. Die Frau hat sich darüber gewundert, warum der Spritverbrauch so hoch ist, und warum es im Auto nach Zigaretten roch", erzählt er schmunzelnd.

Auf die Spitze trieb es der Draufgänger, als er als junger Mann in den 1980er Jahren regelmäßig von Friedberg nach Heidelberg zur Ausbildung fuhr. Alleine mit dem Moped. Immer die Bundesstraße 3 entlang. "Viele tausend Kilometer bin ich gefahren, ohne dass es einer gemerkt hat." Nur einmal habe er sich verfahren: "Da bin ich falsch abgebogen und war plötzlich auf der Autobahn. Ist aber alles gut gegangen." Einen Autounfall habe er nur einmal gebaut. Der Crash bei einem Rennen endete aber glimpflich in einem Reifenstapel.

Probleme mit der Polizei habe er auch nur einmal gehabt. "Da hat mich einer angezeigt." Kawasaki sagt lapidar zu Mackels Verfehlungen im öffentlichen Straßenverkehr: "Das sind Jugendsünden." Mackel betont, dass er nun anständig geworden sei. Er fahre nur mal mit seinem Quad - einer vierrädrigen Geländemaschine - über Feldwege in der Nähe seines Einfamilienhauses. "Die Strecke kenne ich halt."

Ralf Mackel - ein Phänomen? Nicht alle bewundern ihn ob seiner Fähigkeiten. "Ich wurde auch schon von anderen Blinden beschimpft: Ich sei ein Angeber oder Betrüger." Dass er kein Trickser ist, musste er beweisen, ehe er bei Günther Jauch seine Geschichte im TV-Studio erzählen durfte. "Die haben mich erst zum Augenarzt geschleppt, um das überprüfen zu lassen." Es stimmte. Mackel hat nur eine Sehfähigkeit von etwa 0,5 Prozent. Wie es sich damit lebt und fährt, hat er in einem Buch über sich aufschreiben lassen. "Einen Verlag habe ich aber noch nicht gefunden." Aber auch dieses Ziel wird der durchsetzungsfähige, blinde Rennfahrer bestimmt auch noch erreichen.

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