Ärzte Zeitung online, 05.08.2009

320 Millionen für 3 Minuten: Berlins neue Mini-U-Bahn

BERLIN (dpa). Mit der "Kanzler-U-Bahn" geht es nun auch unter dem Brandenburger Tor hindurch. Von diesem Samstag an gibt es für Berliner und Touristen einen unterirdischen Weg durch das Regierungsviertel. Als neue Linie U55 pendelt ein Schienenshuttle auf Deutschlands kürzester U-Bahn-Strecke zwischen dem Hauptbahnhof und dem Pariser Platz. Den Steuerzahler kostete diese Drei-Minuten-Fahrt 320 Millionen Euro und starke Nerven.

Insgesamt dauerte der U-Bahn-Bau 13 lange Jahre. Und rechnen dürfte sich die Linie erst, wenn sie für weitere 433 Millionen Euro bis zum Alexanderplatz verlängert wird - 2017 soll es soweit sein.

Doch erst einmal feiert Berlin seine 1,8 Kilometer lange U-Bahn. Zu sehen gibt es drei moderne Stationen, die mehr sein wollen als reine Haltepunkte. Der Bahnhof Brandenburger Tor ist als Infopunkt in das Gedenkstättenkonzept Berliner Mauer eingebunden. Am Kiosk lassen sich Hörbücher zur Mauer ausleihen, Computer bieten Zugang zu Internetseiten voller Stadtgeschichte. Große Bildtafeln hinter dem Gleisen zeigen, welcher Wandel sich an diesem Ort vollzogen hat.

Vor 20 Jahren verlief am Brandenburger Tor der Todesstreifen. Heute flanieren Touristen auf dem neu erbauten Pariser Platz, der vom Hotel Adlon, der Akademie der Künste, Botschaften und Banken gesäumt wird.

Die Spötter sind dennoch nicht verstummt. "Stummellinie" nennen sie die U55 abschätzig. Denn noch haben die kurzen, teuren Tunnelröhren keine Verbindung zum restlichen U-Bahn-Netz. Für Verkehrsexperten ist die Mini-Strecke sogar einmalig in Europa und erinnert sie an einen Schildbürgerstreich. Berlin ist wohl die einzige Stadt, die U-Bahn-Waggons von einem Lastkran mit Stahlseilen in die Unterwelt hieven muss.

Doch es gibt sie nun einmal, die Kanzler-U-Bahn. Ihre Planung fiel in die Berlin-Euphorie der frühen Nachwendezeit, in der Architekten auch den riesigen gläsernen Hauptbahnhof entwarfen. Zur Jahrtausendwende hat Berlin, in der Realität angekommen, den U-Bahn-Bau aus Geldnot gestoppt. Doch der Bund als Hauptfinanzier drückte die Fertigstellung mit einem Ultimatum durch: Entweder die Hauptstadt zahlt Millionen Euro Bundesgelder zurück - oder die U-Bahn fährt.

Berlin buddelte verschreckt weiter. An weniger prominenter Stelle, vermutet der kritische Berliner Fahrgastverband IGEB, wären die Arbeiten irgendwann trotzdem eingestellt worden. Vor dem Reichstag aber liefen Abgeordnete und ihre Wähler jeden Tag am verriegelten "Geisterbahnhof" Bundestag vorbei, der zuletzt nur für Opernaufführungen geöffnet wurde. Kanzler-U-Bahn galt vielen Berlinern ohnehin als Spottname. Welcher Kanzler samt Chauffeur und Dienstwagen würde wohl mit der U-Bahn zur Arbeit fahren?

Es bleibt die Hoffnung auf Berliner und Touristen. 17 Meter müssen sie nun zum U-Bahnhof Brandenburger Tor hinabsteigen. Die Station, in Weiß- und Anthrazittönen gehalten, ist eine der am tiefsten gelegenen Berlins. Gebaut wurde hier im Eismantel, um das Grundwasser in den Griff zu bekommen - und die Linie rechtzeitig zur Fußball-Weltmeisterschaft 2006 zu eröffnen. Das Grundwasser machte trotzdem Ärger, der Bau verzögerte sich erheblich. Nun pendelt die U55 immerhin zur Leichtathletik-WM, die am 15. August beginnt.

Verkehrstechnisch hat Berlin inzwischen ein ganz anderes Problem. Die S-Bahn fährt nach einem Notfahrplan, da sie viele Züge nach Sicherheitsmängeln in die Werkstatt schicken musste. Die U-Bahn ist zum beliebtesten Verkehrsmittel der Stadt geworden. Von daher könnte der Zeitpunkt für die Eröffnung der neuen Mini-Strecke kaum besser sein.

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