Ärzte Zeitung online, 28.08.2009

Lebensuhr menschlicher Zellen mit nur einem einzigen Gen zurückgedreht

MÜNSTER (dpa). Stammzellforschern vom Max-Planck-Institut für Molekulare Biomedizin (MPI) in Münster ist es gelungen, die Lebensuhr von menschlichen neuronalen Stammzellen mit Hilfe nur eines einzigen Gens zurückzudrehen.

Das Team um Professor Hans R. Schöler versetzte damit diese Stammzellen wieder in eine Art embryonalen Zustand. Die Wissenschaftler verwandelten die Zellen in sogenannte induzierte pluripotente Stammzellen (iPS). Dafür war nur das Einschleusen des Gens Oct4 erforderlich. Die verwendeten neuronalen Stammzellen waren aus dem Gehirn von Feten isoliert worden, die 13 Wochen nach der Befruchtung gestorben waren.

Bislang waren in Laborversuchen - zumindest zeitweise - noch weitere Gene notwendig, um die Entwicklungsstufe von Zellen zurückzudrehen. "Das Krebsrisiko konnte nun noch weiter eingedämmt werden. Die Zellen sind damit deutlich sicherer für mögliche Therapien", sagte Schöler der dpa in Münster. Die Ergebnisse sind in der britischen Fachzeitschrift "Nature" (online vorab, Fachartikelnummer: DOI: 10.1038/nature08436) veröffentlicht.

"Ein nächster Schritt ist nun, mit noch weniger Eingriffen in die Zellen auszukommen", sagte Schöler. Dies war den Münsteraner Wissenschaftlern jüngst bereits mit Mäuse-Zellen gelungen, wo allein ein Wachstumscocktail ausreichte, Gene hingegen verzichtbar waren.

Mit der Reprogrammierung menschlicher Nervenzellen kommen die Forscher auch einer möglichen therapeutischen Nutzung der Zellen etwa bei Morbus Alzheimer näher: "Je ähnlicher die Ausgangszellen dem Gewebe sind, für das sie später als Ersatzzellen genutzt werden sollen, desto besser", so das Institut. So seien für Hauterkrankungen etwa solche iPS besser, die auch aus Hautzellen gewonnen wurden. "Um Nervenerkrankungen zu behandeln, sollten dagegen am besten iPS verwendet werden, die von Nervenzellen abstammen."

Die Züchtung pluripotenter Stammzellen, die sich in alle Zellarten des Körpers verwandeln können, ist für Deutschland wichtig, weil anders als etwa in den USA, Australien oder Großbritannien die Gewinnung menschlicher embryonaler Stammzellen verboten ist. Einfuhr und Verwendung aus dem Ausland sind nur in wenigen Ausnahmen und unter strengen gesetzlichen Auflagen erlaubt. iPS gelten als ethisch unbedenklich.

www.mpi-muenster.mpg.de

Weitere Infos zu Stammzellen unter www.rki.de

Weitere Beiträge aus diesem Themenbereich

Schreiben Sie einen Kommentar

Überschrift

Text

Die Newsletter der Ärzte Zeitung

Lesen Sie alles wichtige aus den Bereichen Medizin, Gesundheitspolitik und Praxis und Wirtschaft.

NEU als Themen abonnierbar: Frauengesundheit und Kindergesundheit

Jeder dritte Brustkrebs im MRT übersehen

MRT-Bilder helfen, Brustkrebs früh aufzuspüren – doch in vielen Fällen gelingt das nicht. Eine niederländische Studie ergab: Jedes dritte Karzinom ist im MRT übersehen worden. mehr »

Neun Millionen Klinik-Infektionen jährlich

Infektionen in Kliniken und Pflegeheimen sind in Europa ein großes Problem. Jährlich infizieren sich dort neun Millionen Bürger, berichtet die EU-Seuchenbehörde. mehr »

Bangen und Hoffen bei Auslands-Briten

Das Ringen um einen Brexit-Vertrag geht auf die Zielgerade. Doch für EU-Bürger auf der Insel und Auslands-Briten ist es eine Zeit des Wartens. Das macht Großbritannien für qualifizierte Fachkräfte nicht attraktiver, meine unser Blogger Arndt Striegler. mehr »