Ärzte Zeitung online, 17.09.2009

Forscher: Doping im deutschen Spitzensport wird massiv unterschätzt

MAINZ (eb). Der Einsatz von Dopingmitteln im Spitzensport wird nach Einschätzung von Wissenschaftlern aus Mainz und Tübingen bei weitem unterschätzt. Sie sagen, dass das wirkliche Ausmaß von Doping im deutschen Spitzensport die offiziellen Angaben um mehr als das Achtfache übertrifft.

In ihrer Studie legen die Wisschenschaftler erstmals konkrete Zahlen vor, wie häufig Doping bei Nachwuchsleistungssportlern vorkommt. "Die offiziellen Tests unterschätzen das Problem", erklärt Professor Perikles Simon vom Institut für Sportwissenschaft der Universität Mainz in einer Mitteilung der Uni.

Bislang gab es zwar Schätzungen über die Dunkelziffern beim Doping und bei der Verwendung von illegalen Medikamenten im Freizeitsport, nicht aber für den Spitzensport. Im Spitzensport fielen bei den Dopingtests der Internationalen und Nationalen Anti Doping Agenturen rund ein Prozent der Test positiv aus - relativ stabil während der letzten fünf Jahre. Simon, Privatdozent Heiko Striegel von der Medizinischen Universitätsklinik Tübingen und ihr Kollege Professor Rolf Ulrich vom Psychologischen Institut der Universität Tübingen bezweifelten, dass dies der Realität entspricht, und haben daher junge Leistungssportler mit einer anonymen indirekten Interviewtechnik befragt (Drug and Alcohol Dependence online vorab).

"Ein ähnliches Versuchskonzept wurde bereits in den 60er Jahren angewandt, um zuverlässige Informationen über Straftaten wie zum Beispiel Alkoholschmuggel zu erhalten", erklärt Simon. Das Verfahren war dann in Vergessenheit geraten und wurde von der Arbeitsgruppe wieder eingesetzt, um zunächst die Dunkelziffer für Doping im Freizeit- und Breitensport zu ermitteln, aber auch um den illegalen Konsum von Drogen wie Kokain einzuschätzen.

Bei den jetzt vorgelegten Untersuchungen hat die Arbeitsgruppe 480 Bundes- und Landeskaderathleten aus dem Nachwuchsbereich mit einem Durchschnittsalter von 16 Jahren befragt. 6,8 Prozent der Athleten gaben zu, schon einmal Dopingsubstanzen verwendet zu haben. Dies ist acht Mal mehr als der Prozentsatz von 0,81, den die Nationale Anti Doping Agentur Deutschland bei ihren Tests in den Jahren 2003 bis 2005 ermittelt hatte.

"Die Behauptung, in Deutschland gebe es so gut wie kein Doping unter den Leistungssportlern, ist falsch", so Simon. "Wir zeigen mit dieser Studie klar und deutlich, dass im Spitzensport auch bei uns unerlaubte Substanzen eingesetzt werden", sagt Striegel. Während im gehobenen Leistungssport meistens Dopingmittel verwendet werden, die kaum nachweisbar sind, finden im Nachwuchsbereich kaum oder gar keine Kontrollen statt. Hier sieht das Forscherteam aus Mainz und Tübingen dringenden Handlungsbedarf zur Prävention.

"Wir müssen nun dringend über sinnvolle Präventionsmaßnahmen für Nachwuchsleistungssportler nachdenken." Striegel ergänzt: "Neben der Prävention ist es auch notwendig, mehr finanzielle Mittel für die Erforschung von Dopingnachweisen bereitzustellen."

Abstract der Studie "Randomized response estimates for doping and illicit drug use in elite athletes"

Weitere Beiträge aus diesem Themenbereich

Schreiben Sie einen Kommentar

Überschrift

Text

Die Newsletter der Ärzte Zeitung

Lesen Sie alles wichtige aus den Bereichen Medizin, Gesundheitspolitik und Praxis und Wirtschaft.

NEU als Themen abonnierbar: Frauengesundheit und Kindergesundheit

Demenz in D-Moll

Mit Demenzpatienten im Konzert? Viele Angehörige scheuen das. Das WDR-Orchester bietet beiden eine ganz besondere Konzertreihe - mit drei verschiedenen Formaten. mehr »

Wird die Apple Watch zum Herzrhythmus-Monitor?

Die neue Smartwatch von Apple verfügt über einen EKG-Sensor. Über eine weitere App erkennt sie Vorhofflimmern. Wie sehen mögliche Einsatzszenarien aus? mehr »

Abtreibungsgegner darf Ärzte nicht Mörder nennen

Der Europäische Gerichtshof für Menschenrechte hat einem katholischen Abtreibungsgegner Grenzen für Kritik an Ärzten aufgezeigt, die Schwangerschaftsabbrüche anbieten. mehr »