Ärzte Zeitung online, 01.10.2009

"Ardi" revolutioniert Bild unserer frühen Vorfahren

WASHINGTON (dpa). Unsere ältesten Vorfahren waren viel weniger affenartig als bisher vermutet. Das zeigt ein sensationeller Fund aus Äthiopien. Ardi, wie die Forscher das weibliche Skelett nennen, ist mit 4,4 Millionen Jahren sogar über eine Million Jahre älter als der berühmte Fund Lucy. In elf Artikeln des US-Fachjournals "Science" beschreiben Wissenschaftler von Universitäten rund um die Welt ihren Fund.

Das fast komplette Skelett von "Ardipithecus ramidus" wurde aus Teilen vieler Individuen, vor allem aber eines Weibchens zusammengesetzt, die seit 1994 gefunden worden waren.

Ardi war etwa 1,20 Meter hoch, 50 Kilogramm schwer und besaß einzigartige Eigenschaften: Ihre Hände, Füße und ihr Becken deuten darauf hin, dass sie auf Bäume kletterte, sich aber auch auf zwei Beinen auf dem Boden bewegte. Dabei benutzte sie allerdings nicht die Knöchel wie heutige Affen. Ihr Gehirn war noch klein wie das eines Schimpansen, die Schädelbasis ähnelte jedoch bereits der späterer Vormenschen.

Das Skelett stammt aus der Afar-Region im Nordwesten Äthiopiens, ebenso wie "Lucy" (Australopithecus afarensis) und viele andere Vormenschen-Funde. Die Forscher zählen Ardi zu den Hominiden, den Menschenartigen.

Die vorgewölbte Schnauze war bereits flacher, die Reißzähne nicht lang und angespitzt wie bei den Affen. Dies deute auf eine friedliche, wenig aggressive Lebensweise hin. Ardi lebte vermutlich sowohl von Nüssen und Früchten wie auch von Insekten und kleinen Tieren. All dies zeige, dass unsere entfernten Vorfahren weniger "affenartig" waren und die heutigen Affen sich viel weiter von ihrem letzten gemeinsamen Vorfahren mit den späteren Menschen weg entwickelt haben als bisher vermutet, schreiben die Wissenschaftler. Dieser hypothetische Vorfahr wird derzeit in einem Zeitraum vor etwa sechs Millionen Jahren vermutet.

"Ardipithecus ist unspezialisiert und hat sich noch nicht weit in Richtung von Australopithecus entwickelt", sagt Tim White von der Universität in Berkeley (USA), einer der Hauptautoren der Studien. "Er ist ein Mosaikwesen, weder Affe noch Mensch, sondern einfach Ardipithecus." Die Untersuchung von Pflanzen und Tierfossilien der Fundschicht zeigt, dass sich der Übergang zum Menschen auch nicht wie bisher geglaubt, auf der offenen Savanne abspielte. Ardi lebte in einem dichtbewachsenen, offenen Waldland, das deutlich kühler und feuchter war als heutzutage.

Auch wenn Ardipethecus alleine nicht das "Missing Link" (fehlende Verbindung) in der Abstammungsreihe von Menschen und Affen ist, so kommt er dieser Trennung doch näher als alle bisherigen Funde und verändert die Vorstellungen über unsere frühe Entwicklungsgeschichte, kommentieren die Wissenschaftler.

Topics
Schlagworte
Panorama (33119)
Weitere Beiträge aus diesem Themenbereich

Schreiben Sie einen Kommentar

Überschrift

Text

Die Newsletter der Ärzte Zeitung

Lesen Sie alles wichtige aus den Bereichen Medizin, Gesundheitspolitik und Praxis und Wirtschaft.

NEU als Themen abonnierbar: Frauengesundheit und Kindergesundheit

Wirkstoff zum Cannabis-Entzug

Die Blockade der Fettsäureamid-Hydrolase reduziert Symptome beim Cannabis-Entzug. Mit einem Hydrolasehemmer senkten Abstinenzwillige den Konsum um fast 70 Prozent. mehr »

Erfolg mit Gentherapie bei Anämien

Aktuelle Berichte beim ASH-Kongress bestätigen den Nutzen einer Gentherapie bei Patienten mit Beta-Thalassämie oder Sichelzellanämie. mehr »

Leichter Antieg auf 118 Influenza-Fälle

Die Aktivität der akuten Atemwegserkrankungen (ARE) ist in der 48. Kalenderwoche (KW) 2018 in fast allen Bundesländern gestiegen, besonders in Ostdeutschland. mehr »