Ärzte Zeitung online, 02.11.2009

Großbritannien: Drogenbeauftragter wegen LSD-Verharmlosung entlassen

LONDON (dpa). Der Drogenbeauftragte der britischen Regierung sollte mithelfen, den übermäßigen Rauschgiftkonsum im Land einzudämmen. Stattdessen soll er ihn verharmlost haben - und wurde deshalb umgehend seines Amtes enthoben. Die Entlassung sorgte am Sonntag für Empörung bei Forschern und in den Medien.

Ein weiteres Mitglied des Drogenberatungsgremiums der Regierung trat aus Protest zurück.

LSD, Ecstasy und Cannabis seien ungefährlicher als Alkohol und Tabak, hatte der Drogenbeauftragte David Nutt Berichten zufolge in einer Vorlesung am renommierten Londoner King's College gesagt. Die Einnahme von Ecstasy sei nicht gefährlicher als Reiten. Cannabis erzeuge "nur das vergleichsweise geringe Risiko" einer psychischen Erkrankung. Auch seine Kinder hätten schon einmal Drogen genommen, sagte der Pharmakologe. "Darüber bin ich nicht so besorgt wie über Alkoholkonsum." Zugleich kritisierte Nutt die staatliche Drogenpolitik, die den Erkenntnissen der Forschung widerspräche.

Innenminister Alan Johnson sah nach den Äußerungen das Vertrauen in Nutt zerstört und entband ihn umgehend von seinen Aufgaben. "Es ist wichtig, dass die Botschaft der Regierung klar ist und Sie als Beauftragter tun nichts, damit sie die Öffentlichkeit versteht", schrieb Johnson an Nutt. "Die Art und Weise, wie Sie sich verhalten, steht im Widerspruch zu Ihren Verantwortungen."

Der Pharmakologe bezeichnete die Entlassung als Wahlkampfmaßnahme. "Keiner behauptet, Drogen sind ungefährlich." Tabak und Alkohol als legale Droge auszunehmen, sei aber "künstlich". Nutt würde es nicht überraschen, wenn nun das 30-köpfige Gremium geschlossen zurücktritt.

Les King, der aus Protest gegen die Entlassung Nutts die Expertenrunde nach 15 Jahren Zugehörigkeit verlassen hat, begründet dies damit, dass Nutt die Meinungsfreiheit verwehrt worden sei. Das Gremium solle lediglich die Politik der Regierung absegnen.

Führende Wissenschaftler haben die Entlassung kritisiert. "Das zeigt ein eher dürftiges Verständnis über den Wert der Wissenschaft", sagte Robert Winston vom Imperial College London. Die Regierung riskiere mit ihrem Verhalten, dass die Bevölkerung die Gesetze ohne den Rat der Experten nicht befolgt. Die Zeitung "The Independent" titelte "Gefeuert - weil er die Wahrheit über Drogen sagte".

   Nutt hatte in der Vorlesung am King's College auch eine Skala mit allen legalen und illegalen Drogen eingestuft nach gesundheitlichen Schäden gefordert. "Wir brauchen eine breite und offene Diskussion über die wissenschaftlichen Nachweise und eine wohlüberlegte Debatte, warum wir Drogengesetze haben und ob sie ihre Aufgabe leisten."

   Alkohol steht in Nutts Skala an fünfter Stelle - hinter Kokain, Heroin, Schlafmitteln und Opium. Tabak kommt an neunter Stelle und damit weit vor Cannabis, dem Halluzinogen LSD und Ecstasy. Auf den Besitz illegaler Drogen stehen in Großbritannien bis zu sieben Jahre Haft und eine unbegrenzte Geldstrafe. Drogenhändler können zu lebenslanger Haft verurteilt werden.

Weitere Beiträge aus diesem Themenbereich

Schreiben Sie einen Kommentar

Überschrift

Text

Die Newsletter der Ärzte Zeitung

Lesen Sie alles wichtige aus den Bereichen Medizin, Gesundheitspolitik und Praxis und Wirtschaft.

NEU als Themen abonnierbar: Frauengesundheit und Kindergesundheit

Darum will Maria Rehborn unbedingt Landärztin werden

Studentin Maria Rehborn möchte Landärztin werden in den Bergen werden – ein Portrait. mehr »

Welches Wasser in die Nasendusche?

In unserem Trinkwasser tummeln sich viele Erreger. Forscher haben nun getestet, mit welcher Methode Nasenduschen-Wasser behandelt werden sollte, um diese abzutöten. mehr »

Die Rückkehr des Badearztes

Eine Medizinerin bringt die Region Wiesbaden ins Schwitzen: als einzige Badeärztin der Gegend. Der "Ärzte Zeitung" erklärt sie, warum sie Treppen steigen lässt statt eines EKGs – und wie sie 75 Patienten an ihrer Zunge erkannte. mehr »