Ärzte Zeitung, 05.11.2009

Buchtipp

Jüdische Ärzte - vertrieben von ihren Kollegen

Von Ina Harloff und Angela Mißlbeck

Die ärztliche Standesvertretung in Berlin hat jüdischen und politisch linksgerichteten Ärzten in der Nazi-Zeit das Leben unmöglich gemacht, belegt eine neue Studie.

Die Studie "Anpassung und Ausschaltung - Die Berliner Kassenärztliche Vereinigung im Nationalsozialismus" ist im Vorfeld des Jahrestags der Reichspogromnacht vorgestellt worden. Sie wurde auf Initiative des Berliner Landesverbands jüdischer Ärzte (LVJÄ) und Psychologen und der KV Berlin erarbeitet.

Eine Kernbotschaft der Studie: "Im Rahmen ihrer Möglichkeiten taten Berliner Ärztevertreter während der Zeit des Nationalsozialismus alles, um ihren jüdischen und politisch links orientierten Kollegen ein Leben in Deutschland unmöglich zu machen. Sie trugen maßgeblich zur Vernichtung der beruflichen Existenz von Ärzten bei, stürzten sie in wirtschaftliche Not und zwangen ihre Kollegen mit deren Familien in die Emigration."

Die Studie zeigt im Detail, wie jüdische Kollegen durch die Vorgängerinstitution der KV Berlin systematisch ausgeschaltet wurden. Bereits ab Februar 1933 hat die KV-Vorgängerin Vorstandspositionen mit nationalsozialistisch gesinnten Ärzten neu besetzt. Verschärfte Zulassungsverordnungen grenzten immer mehr Kassenärzte "nicht-arischer Abstammung" aus. Dabei habe das Gros der Kassenärzte dieses Vorgehen billigend in Kauf genommen, viele hätten eigene Vorteile daraus gezogen.

Im Rahmen des Forschungsprojekts wurden auch die Lebenswege jüdischer Kassenärzte in Berlin erforscht. 2018 Biografien sind nun in einem Gedenkbuch "Berliner jüdische Kassenärzte und ihr Schicksal im Nationalsozialismus" dargestellt.

"Wir wollen mit diesem Forschungsprojekt den Opfern nicht nur die Namen zurückgeben, sondern auch den Menschen hinter dem Namen wieder sichtbar machen und die jüdischen Kollegen damit dem Vergessen entreißen", sagte die Berliner KV-Chefin Dr. Angelika Prehn. Zudem sollten die beiden Publikationen dazu beitragen, die damit verbundenen historischen Erfahrungen in verantwortliches Handeln der Ärzteschaft zu übertragen, so Prehn.

Dass das keine Selbstverständlichkeit ist, zeigte sich bei einer Präsentation von Teilen der Studie vor der Ärzteschaft. "Postmortale Klugscheißerei" warf ein Arzt der Studienleiterin Dr. Rebecca Schwoch vor. Ein anderer, noch junger Arzt, sagte, er habe es satt, ständig in diese Millionen von Gräbern zurückzublicken, wo es doch heute wichtigere Probleme zu bewältigen gebe.

"Solange es Ärzte in meiner Generation gibt, die solche Äußerungen von sich geben, dürfen wir nicht stillhalten. Wir müssen immer wieder den Finger in die Wunde legen", sagte einer der Projekt-Initiatoren, der ehemalige KBV- und KV-Berlin-Vorsitzende Dr. Manfred Richter-Reichhelm. Bei der Präsentation der Studie zeigte er sich "ein bisschen stolz" auf die Ergebnisse. "Aber das Werk ist nicht abgeschlossen", so Richter-Reichhelm.Er kündigte an, dass er die Bücher demnächst gemeinsam mit dem LVJÄ-Chef Dr. Roman Skoblo den zuständigen Senatoren in Berlin und dem Regierenden Bürgermeister, Klaus Wowereit vorlegen will. Die beiden Ärzte wollen damit ein Zeichen setzen, dass die Ärzteschaft in Berlin sich ihrer historischen Verantwortung bewusst ist und sich ihr gestellt hat.

Forschungsprojekt mit langem Vorlauf

Studie und Gedenkbuch sind unter der Leitung der Medizinhistorikerin Dr. Rebecca Schwoch entstanden. Die Idee dazu fassten der Vorsitzende des Landesverbandes Jüdischer Ärzte und Psychologen Berlin (LVJÄ) Dr. Roman Skoblo und der frühere KV-Berlin- und KBV-Vorsitzende Dr. Manfred Richter-Reichhelm bereits 2001. Das Projekt wurde durch Spenden von Ärzten und ärztlichen Organisationen ermöglicht.

Dr. Rebecca Schwoch und Dr. Judith Hahn: Anpassung und Ausschaltung - Die Berliner Kassenärztliche Vereinigung im Nationalsozialismus. ISBN 978-3-941450-09-7.

Dr. Rebecca Schwoch (Hrsg.): Berliner jüdische Kassenärzte und ihr Schicksal im Nationalsozialismus. Ein Gedenkbuch.. ISBN 978-3-941450-08-0.

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