Ärzte Zeitung online, 24.11.2009

Brot für die Welt: 50 Jahre Kampf gegen Hunger und Elend

STUTTGART (dpa). "Weniger ist leer." Mit diesem Slogan über einer Schüssel mit ein paar Reiskörnern hat "Brot für die Welt" zuletzt auf sich aufmerksam gemacht und sogar einen Preis eingeheimst. Vor 50 Jahren, am 29. November 1959, startete die evangelische Hilfsorganisation ihre erste Kampagne, und zwei Wochen später wurde sie in Berlin offiziell gegründet.

"Man muss die Gründung vor dem Hintergrund von Nachkriegszeit und Wirtschaftswunder sehen", sagt Klaus Seitz, Leiter der Abteilung Politik und Kampagnen bei "Brot für die Welt". Den Deutschen geht es wieder gut, sie erinnern sich aber noch genau an die entbehrungsreichen Kriegsjahre. Die Hungersnot der indischen Bevölkerung stößt bei ihnen auf offene Ohren, freigiebige Herzen und gefüllte Portemonnaies. Die erste Kampagne bringt damals 19 Millionen Mark ein. Die Boxen, in denen das Geld gesammelt wird, zeigen das Logo von den Milchpulverlieferungen an Deutschland in den 40er Jahren.

Während die grade in Gang kommende Entwicklungshilfe stark von politischen Interessen zwischen Ost und West geprägt ist, gilt für "Brot für die Welt": "Nur die Not ist unser Maßstab." Geholfen werden soll dort, wo der Bedarf am größten ist. Aus Gründen der Unabhängigkeit gibt es anfangs Ressentiments gegen staatliche Mittel. "Das Verhältnis hat sich aber später entspannt", sagt Seitz. Immer mehr reift das Credo der Hilfsorganisation: "Hilfe zur Selbsthilfe."

Ein Mann der frühen Jahre ist Rainer Kruse. Bereits ab 1960/61 engagiert er sich in Schleswig-Holstein ehrenamtlich für "Brot für die Welt" und hilft bei den Kampagnen. "Wir haben mehr als 20 000 Opferdosen verteilt. Es war enorm, wie die Leute darauf reagiert haben", erzählt der 73-Jährige. Zeitweise sei durch die Sammlungen das Münzgeld knapp geworden, erinnert er sich. 1964 kommt Kruse nach Stuttgart, wo er zunächst in der Öffentlichkeitsarbeit tätig ist, dann aber bald mit Indien in Berührung kommt. 1972 übernimmt er das Indienreferat. "Das ist mit Sicherheit eine sehr emotionale Sache."

Während in den Anfangsjahren die Soforthilfe für Notleidende im Mittelpunkt steht, reift in Folge der 68er-Bewegung das weitere Ziel, "die Menschen zur Durchsetzung ihrer Rechte zu ermutigen", wie Seitz es nennt. Wie stark ausgeprägt dieser Trend ist, hängt meist vom jeweiligen Land ab. In Südamerika und Indien etwa greift die politische Arbeit durch Bürgerrechtler schneller Raum, in Afrika dagegen deutlich weniger, wie Kruse berichtet.

Bis heute sind rund 1,9 Milliarden Euro aus Spenden und Kollekten bei "Brot für die Welt" eingegangen. Seit zehn Jahren kommen laut Seitz jährlich rund 50 Millionen Euro zusammen. Gut 20 000 Projekte in Afrika, Asien, Lateinamerika und Osteuropa sind seit 1959 bewilligt worden. Die Arbeit gegen Unterdrückung und Korruption ist längst etabliert, wie sich am 2002 gegründeten Referat "Politik und Kampagnen" ablesen lässt. Auch die deutsche Politik steht dort auf dem Prüfstand: "Der jetzige Koalitionsvertrag ist wieder sehr stark von deutschen Interessen geprägt", kritisiert Seitz.

Natürlich habe es in den Jahren auch mal Misserfolge gegeben. "Nicht jeder Partner vor Ort hält, was er verspricht", sagt Kruse. Doch habe "Brot für die Welt" gerade mit den Partnern eine ganze Menge zum Positiven verändert. Als einen großen Erfolg verbucht Seitz etwa die Etablierung des Fairen Handels; und Kruse nennt die Kampagne gegen Kinderarbeit, die mit der Kraft mehrerer Hilfsorganisationen zum Erfolg gebracht wurde. "Nach dem Gemeinschaftserfolg hieß es dann leider: Jetzt brauchen wir aber auch mal wieder etwas Eigenständiges. Das habe ich ein bisschen bedauert."

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