Ärzte Zeitung online, 01.12.2009

"Zermanscht" das Multitasking unsere Manieren?

HAMBURG (dpa). Das Multitasking "zermanscht" unsere Gehirne, die Informationsflut vor allem des Internets frisst uns auf - so die These von Frank Schirrmacher (50) in seinem neuen Buch "Payback". Mit seiner Kritik am modernen Medienzeitalter spricht der Mitherausgeber der "Frankfurter Allgemeinen Zeitung" vielen aus dem Herzen.

Mancher denkt aber auch, dass die neue Technik und deren gleichzeitiger Gebrauch in jüngster Zeit vor allem die Manieren "zermanscht" hat. Was haben Handys, MP3-Spieler und das Web bloß mit uns gemacht? Eine Erkundung mit dem deutschen Autor Adriano Sack ("Manieren 2.0 - Stil im digitalen Zeitalter", Verlag Piper): Technisch hoch entwickelt, aber ethisch minderbemittelt? Warum zum Beispiel lassen viele ihr Handy laut klingeln?

"Dass die Lautlos-Taste beim Mobiltelefon nicht öfter genutzt wird, liegt daran, dass der moderne Mensch abwägen muss, was schlimmer ist: die Belästigung der Mitmenschen in öffentlichen Räumen oder das Risiko, einen Anruf nicht mitzubekommen", sagt Sack. "Da wir in einer darwinistischen Gesellschaftsordnung leben, wiegt Eigennutz schwerer als Fremdschaden", analysiert der 42-Jährige, der in New York lebt.

Und warum erzählen so viele Menschen am Handy intime Dinge, selbst wenn andere mithören können? "Das Abstraktionsvermögen der Menschen wird überschätzt. Wir blicken mit gezückter Augenbraue auf Mitreisende, die ihre Eheprobleme oder Geschäfte lautstark am Telefon abwickeln und plärren dann Minuten später selbst ins Handy", sagt der Stil-Experte.

"So wie kleine Kinder sich die Augen zuhalten, um sich zu verstecken, glauben sich Menschen isoliert, sobald sie am Telefon sprechen. Viele Inder übrigens halten sich beim Mobiltelefonieren die Hand vor den Mund, was ich für sehr elegant halte."

Fast noch irritierender als laute Handy-Gespräche im öffentlichen Raum findet es Sack, wenn Menschen im Gespräch SMS-Nachrichten oder E-Mails checken. "Wir haben weniger Zeit, oder glauben das zumindest, und wollen nichts verpassen. Deswegen wollen wir stets erreichbar sein und erwarten das auch von anderen. Unbewusst machen wir uns damit zu Sklaven der Maschinen", sagt Sack und schlägt damit in dieselbe Kerbe wie Schirrmacher. "Das kann man beklagen oder gelegentlich seine Geräte runterfahren und im Garten arbeiten."

Das Kommunikationsverhalten von Menschen sagt auch etwas über Hierarchien aus, weiß Sack. "Ein Gespräch unvermittelt zu unterbrechen, um einen Anruf entgegenzunehmen, ist unhöflich. Andererseits verrät es eine gesunde Neugier. Als Gradmesser für Hierarchien ist zudem interessant: Der Rangniedere geht in der Regel nicht ans Telefon oder stellt es vor dem Gespräch ab."

Bleibt unter anderem die Frage nach der Selbstisolation, zum Beispiel in Bus oder Bahn am Morgen. "Menschen stecken sich iPod-Stöpsel in die Ohren, um die Art der akustischen Belästigung selbst steuern zu können", sagt Sack. "Und um möglichst bald von einem Auto überfahren zu werden."

Übrigens: Die neuen Probleme und das digitale Danebenbenehmen seiner Mitmenschen mit Humor zu nehmen, kann sicherlich nicht schaden. Auch Brad Pitt hat kürzlich seine Sicht der Dinge zu einer Titelstory der US-Zeitschrift "Wired" beigesteuert: "Neue Gebote für digitale Gentlemen und hoch entwickelte Menschen."

Er findet es beispielsweise schlimm, wenn Leute auf der Toilette zum Handy greifen. "Willst du etwa, dass der Typ neben dir das gesamte Gespräch mit anhört? Wenn überhaupt, sollte man auf dem Klo nur SMS verschicken. Und pass auf, dass du nicht aus Versehen ein Foto machst und es plötzlich auf Twitter gepostet hast."

Auch im Kino haben Handys seiner Meinung nach nichts verloren. "Im Kino telefonieren geht gar nicht. Das Gespräch mag vielleicht nur eine kurze Unterbrechung für dich sein - ein paar Sekunden - aber stell dir vor, jemand macht gerade eine Raubkopie des Films. Hast du jemals daran gedacht? Dein Anruf wäre dann für immer störend da drauf. Sei nicht so egoistisch."

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