Ärzte Zeitung online, 03.12.2009

Studium in den USA: Nach Abschluss verschuldet

NEW YORK (dpa). Vorlesungsboykotts hier - Hörsaalblockade dort. Nach den Protesten gegen die drastische Erhöhung der Studiengebühren an Kaliforniens Universitäten entstand der Eindruck, als brodelte es auch im Hochschulwesen der USA, als zögen deutsche wie amerikanische Studenten an gleichen Strang.

Inzwischen ist wieder Ruhe eingekehrt in die Hörsäle von Berkeley, Los Angeles und Santa Cruz. Während der Unmut über die Umsetzung der Bachelor-Studiengänge in Deutschland weiter eskaliert, büffeln über 20 Millionen junger Amerikaner ohne aufzumucken.

Nach den letzten vorliegenden Zahlen von 2005 ist die Hälfte aller 18- und 19-Jährigen in den Vereinigten Staaten an einem College oder einer Universität eingeschrieben: Ziel ist der Bachelor-Abschluss oder auch nur ein zweijähriges Grundstudium. Viele US-Studenten verschulden sich für ihre Ausbildung über Jahre oder Jahrzehnte. Andere haben das Glück, dass ihre Eltern die Studienkosten im Rahmen von 10 000 bis 50 000 Dollar (etwa 6700 bis 33 000 Euro) pro Jahr übernehmen. Ein Studium zum Nulltarif, wie es deutsche Studenten mit dem Ruf nach "Bildung für alle - und zwar umsonst" verlangten, steht in Übersee nicht zur Debatte.

Dennoch schwärmt Lisa Schneiders aus Düsseldorf von ihrem Studienplatz in den USA. "Ich fühle mich hier total gut aufgehoben", sagte sie der Deutschen Presse-Agentur in New York. Die 26-jährige blonde Deutsche studiert International Business am Brooklyn College, einem Zweig der City University of New York (CUNY). Auf die Frage, ob sich die Kosten ihres Bachelor-Abschlusses in den USA lohnen, entgegnet Schneiders: "Für mich schon". Als Au-Pair-Mädchen hatte sie Geld zur Seite gelegt. Den Rest begleichen die Eltern: Fast 6000 Dollar pro Semester plus Bücher und Unterkunft.

Aufgewogen werden die Ausgaben durch ein gut organisiertes Studienprogramm und den engen Kontakt zu den Professoren. "Von etlichen meiner Profs habe ich die Handynummer und kann sie noch abends spät mit Fragen anrufen", sagt Schneiders. Gut findet sie auch die wöchentlichen Tests in den meisten ihrer Fächer: "Es ist zwar anstrengend, immer am Ball zu bleiben, aber so bin ich gut vorbereitet auf die Endprüfungen".

Ihre Freundin Diana Derks aus Frankfurt war als Kunststudentin an einem anderen CUNY-College eingeschrieben, bevor sie den Campus und das Hauptfach wechselte. Was Derks so gefällt, ist das pralle und vielseitige Kursangebot sowie die Flexibilität während des Studiums. Für ihren Bachelor in International Business muss sie wenigstens 120 Punkte nachweisen, sogenannte "Credits". Nur die Hälfte davon sind im Hauptfach erforderlich, andere werden in den Pflichtfächern Mathematik, Englisch und Geschichte verlangt. Darüber hinaus erwarb die 22-jährige Frankfurterin ihre "Credits" unter anderem durch Klassen in Tennis und Fotografie.

"Die USA haben eine ganz andere Ausbildungskultur", erläuterte ein 28-jähriger Schweizer Doktorand der dpa. Lucas Leemann hat einen Abschluss von seiner Heimatuniversität Bern und promoviert jetzt als Stipendiat an der Columbia University in New York, einer der "Ivy-League"-Elitehochschulen Amerikas. "Hier hat das Bachelor-Studium noch mehr allgemeinbildenden Charakter", sagt er über die USA. Entsprechend werde amerikanischen Studenten auch nur eine Grundlage für ihren künftigen Beruf geboten. "Alle weiteren Kenntnisse müssen sie sich später aneignen".

Die Sorge deutscher Studenten, nur mit einem Bachelor in der Tasche bei der Industrie abzublitzen, hält Leemanns Kommilitone Kai Ostwald an der Uni von Kalifornien in San Diego für unbegründet. "Die meisten US-Firmen stellen Bachelor-Abgänger ein und trainieren sie am Arbeitsplatz", sagt er aus Erfahrung. Viele Unternehmen bieten ihren Angestellten nach einer Zeit erfolgreicher Mitarbeit das Master-Studium auf Firmenkosten an. Voraussetzung ist, dass sich die Weitergebildeten zur längeren Mitarbeit in dem Unternehmen verpflichten. Weniger als 20 Prozent aller jungen Amerikaner mit Bachelor-Abschluss leisten sich das Master-Studium auf eigene Kosten.

Ein solcher Entschluss kann teuer werden, wie ein Wirtschaftler mit dem begehrten Abschluss MBA (Master of Business Art) von der Top- Universität Yale am eigenen Leib erfuhr. Der 31-Jährige aus Princeton, der namentlich nicht genannt werden wollte, hatte für ein Darlehen von 170 000 Dollar für sein MBA-Studium aufgenommen. In guten Zeiten hätte ihm der Abschluss von Yale einen hoch dotierten Wall-Street-Posten so gut wie garantiert. Er aber hatte das Pech, gerade fertig zu werden, als die Wirtschafts- und Finanzkrise über die USA hereinbrach. Ein gutes Jahr später sucht er noch immer nach einem Job, der ihm ermöglicht, seinen Schuldenberg langsam abzubauen.

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