Ärzte Zeitung online, 23.12.2009

Kriminologen: Taten gewaltbereiter Mädchen werden öfter angezeigt

BERLIN (dpa). Junge Mädchen sind in den vergangenen Jahren nicht generell gewaltbereiter geworden - ihre Taten werden jedoch laut einer Studie häufiger angezeigt. Gewalt bei Mädchen wird auch gesellschaftlich weniger toleriert. Das geht aus einer Untersuchung des Kriminologischen Forschungsinstituts (KFN) Hannover hervor, die auf einem Experten-Workshop in Berlin vorgestellt wurde.

Kriminologen: Taten gewaltbereiter Mädchen werden öfter angezeigt

Mädchen sind nicht gewaltbereiter als Jungen.

Foto: © mars / fotolia.com

"Das Geschlechterverhältnis im Gewaltverhalten ist weitestgehend konstant geblieben", bilanziert KFN-Mitarbeiter Dirk Baier. Konkrete Aussagen zur Gewaltentwicklung waren bislang schwer zu treffen, weil vor allem Polizeistatistiken ausgewertet wurden.

Baier verglich die Entwicklung polizeilich gemeldeter Straftaten der vergangenen Jahre mit Ergebnissen einer deutschlandweiten Dunkelfeldbefragung von Jugendlichen, die das KFN 2008 zusammen mit dem Bundesinnenministerium machte.

Laut Polizeistatistik wurden 2008 gut 43 000 (1,2 Prozent) der 3,5 Millionen Jugendlichen zwischen 14 und 18 Jahren in Deutschland als tatverdächtige Gewalttäter registriert. Unter Berücksichtigung von Schwankungen in der Bevölkerungsstatistik sind die gemeldeten Fälle von Körperverletzungen zwischen 1993 und 2008 demnach um das 2,4-fache gestiegen. Der Anstieg für Jungen betrug bei schwerer Körperverletzung das 2,3-fache, bei den Mädchen das 3,3-fache.

Anders verhielt es sich bei den nicht polizeilich erfassten Dunkelfeldzahlen: Die Aussagen der etwa 45 000 befragten Neuntklässler belegen, dass drei Viertel aller Gewalttaten unter Jugendlichen gar nicht angezeigt werden. Deren Dunkelziffer liegt also um ein Vielfaches höher als die Polizeistatistiken melden. Hatten 1998 bei einer Befragung in einzelnen Städten 18,4 Prozent der Jugendlichen angegeben, eine Körperverletzung begangen zu haben, lagen die Vergleichswerte von 2008 bei 15,8 Prozent. Tendenziell war also ein Gewaltrückgang zu verzeichnen und auch keine Annäherung weiblicher und männlicher Verhaltensmuster.

"Die Dunkelziffer bei weiblicher Gewalt wird geringer und die Hellziffer wächst. Das ist positiv, denn es heißt, dass es weniger versteckte Gewalt gibt", resümiert Professor Angela Ittel vom Fachbereich Pädagogische Psychologie der TU Berlin. Generell werde Gewalt von Mädchen auch weniger toleriert und schon bei kleineren Vergehen schneller angezeigt als früher, sagen die Experten.

Bei den extremen Gewaltfällen gibt es auch keine Schichtunterschiede - sozial schwache Familien sind genauso betroffen wie bildungsnahe, sagt Ittel. Die Gründe für Gewalt sind bei Jungen und Mädchen ähnlich: "Menschen, die gewalttätig werden, mangelt es an sozialen Kompetenzen und einem Repertoire an Konfliktlösungsstrategien", sagt Ittel.

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