Ärzte Zeitung online, 04.01.2010

Großer Andrang in Berliner Notübernachtungen

BERLIN (dpa). Bei Schnee und schneidender Kälte suchen in Berlin immer mehr obdachlose Menschen Zuflucht in Notunterkünften - vor allem im Stadtmissions-Zentrum nahe dem Hauptbahnhof. "In der vergangenen Nacht war es sehr voll. Wir hatten 163 Gäste", sagte am Montag Ortrud Wohlwend von der Berliner Stadtmission.

Im Vergleich zum vergangenen Winter kämen 10 bis 20 Prozent mehr Hilfesuchende. Unter den Obdachlosen seien viele Polen und Osteuropäer, die in ihrer Heimat bei Kälte kaum Hilfsangebote fänden. Auch immer mehr Frauen lebten in Berlin inzwischen auf der Straße, ergänzte Wohlwend. Das Frauen-Schlafzimmer sei oft gut belegt.

Bei der Kälte kommen viele Obdachlose nicht allein zum warmen Abendessen und zur Notübernachtung in die Lehrter Straße. Viele sind auch krank. "Zurzeit behandeln unsere Ärzte vor allem Unterkühlungen und beginnende Lungenentzündungen", berichtete die Sprecherin. Wer zu schwach ist, um die Unterkunft nach dem Frühstück wieder zu verlassen, bekommt als Notfall ein Bett im Übergangshaus. "Dieses Haus ist zurzeit zum Platzen voll", sagte Wohlwend.

Die Verelendung ist insbesondere unter Obdachlosen aus Polen groß. Ein Grund dafür sei das polnische Scheidungsrecht, erläuterte Wohlwend. Nach einer Scheidung müssten Männer die gemeinsame Wohnung sofort verlassen. Da die Mieten hoch seien, fänden viele lange keine neue Bleibe. Ein hoher Prozentsatz der Geschiedenen lande deshalb schnell auf der Straße - insbesondere, wenn zusätzlich Alkohol im Spiel sei. Unter den ausländischen Gästen der Stadtmission waren bisher auch viele Weißrussen, Rumänen und Bulgaren.

Bei Nächten unter minus drei Grad bleiben in Berlin auch drei U-Bahnhöfe geöffnet (Schillingstraße, Südstern und Hansaplatz). Außerdem fährt ein sogenannter Kältebus der Stadtmission Menschen ohne Wohnung in eiskalten Nächten bis 05.00 Uhr früh in warme Quartiere. Trotz des Schnees campieren Obdachlose nachts aber auch weiterhin draußen. "Bei trockener Kälte ist das mit einem guten Schlafsack kein Problem", sagte Sprecherin Wohlwend. Ein Quartier fänden Menschen ohne Wohnung auch in Vorhallen von Banken oder Sparkassen. Oft ließen Kunden, die nachts zum Geldautomaten gingen, Obdachlose ins Warme.

In Berlin bieten rund 70 Einrichtungen ihre Dienste an - von der Notübernachtung über Tagestreffs, Nachtcafés und Suppenküchen bis hin zu Obdachlosen-Arztpraxen.

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