Ärzte Zeitung online, 15.01.2010

Kampf ums nackte Leben in Haiti - es riecht nach Verwesung

PORT-AU-PRINCE/HAMBURG (dpa). Die Zeit wird knapp in Haiti. Am dritten Tag nach dem verheerenden Erdbeben gab es für die Überlebenden in der Hauptstadt Port-au-Prince am Freitag noch immer kaum sauberes Trinkwasser oder Nahrung. Mehr noch: In den Straßen lagen massenweise Leichen, überall roch es nach Verwesung. Die Szenerie gleicht einer apokalyptischen Tragödie.

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Ein Mann zeigt vor dem Krankenhaus von Port-au-Prince ein Foto seiner vermissten Tochter. © dpa - Bildfunk

Die Hilfstrupps, teils schon wenige Stunden nach dem Unglück gestartet, erreichten die Menschen zumeist nicht. Das größte Problem sei die Überlastung des beschädigten Flughafens von Port-au-Prince, der ein Nadelöhr für die Hilfsgüter sei, berichteten Nothilfe-Koordinatoren.

Bisher habe ein Gefühl der Solidarität unter den Überlebenden überwogen, nun aber drohe die Stimmung zu kippen. Von offizieller Seite ist keine Hilfe zu erwarten, da das Staatssystem zusammengebrochen ist: Ministerien sind zerstört, Minister und ihre Mitarbeiter verschüttet.

Im Laufe des Tages sollte vor Haiti der US-Flugzeugträger "Carl Vinson" mit 19 Hubschraubern und tausenden Soldaten eintreffen. Die USA wollten außerdem sechs weitere Schiffe auf den Weg schicken, darunter drei Amphibienschiffe mit Helikoptern sowie ein Lazarettschiff. Für viele Verschüttete dürfte die dreitägige Verzögerung aber bereits den Tod bedeuten: Ein Mensch kann nur etwa drei Tage ohne Trinken überleben. In Haiti steigen die Temperaturen zudem täglich auf rund 30 Grad.

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Ein Überlebender des Erdbebens vor einem eingestürzten Regierungsgebäude in Port-au-Prince. © dpa - Bildfunk

Noch immer graben die Menschen mit bloßen Händen in den Trümmern nach Überlebenden. Bereits die dritte Nacht in Folge verbrachten die meisten Einwohner von Port-au-Prince im Freien - aus Angst vor Nachbeben oder weil ihre Häuser zerstört sind. Nach CNN-Berichten wurden massenhaft Tote von den Straßen gesammelt und teils von Radladern in große Lastwagen gekippt. Eine Identifizierung der Opfer sei kaum mehr möglich. Tausende irren noch immer verletzt, hungernd und traumatisiert durch die Trümmerstadt. Erste Plünderungen wurden gemeldet.

Korrespondenten internationaler Fernsehsender berichteten am Morgen von einer zunehmend verzweifelten Bevölkerung. Viele fühlten sich alleingelassen. Aufgebrachte Haitianer hätten Straßensperren aus Leichen errichtet. Der Staat habe schon zuvor kaum funktionierende Strukturen besessen, nun mache die fehlende Infrastruktur die Lage viel schwieriger als bei vergleichbaren Naturkatastrophen in anderen Ländern, sagte der Präsident des Deutschen Roten Kreuzes, Rudolf Seiters, im ZDF.

Er gehe davon aus, dass die Schätzungen von 50 000 Toten sowie zahlreichen Verletzten zutreffend seien, sagte Seiters. Etwa drei Millionen der neun Millionen Einwohner Haitis sind nach Angaben des Roten Kreuzes in Not.

"Ich bin jetzt ziemlich sicher, dass mindestens 50 000 Menschen den Tod gefunden haben", betonte auch der haitianische Botschafter in Deutschland, Jean Robert Saget. Dazu zählten auch mehrere Minister der Karibik-Republik, etwa der Justizminister Paul Denis. Es gebe jetzt ein "Personalproblem".

Die Organisation der Hilfsmaßnahmen und die Schaffung einer Infrastruktur liegt damit in den Händen der Helfer - vor allem die USA werden dabei ob der schieren Menge ihrer Entsandten wohl eine große Rolle spielen. Insgesamt werden sich nach Angaben des US-Südkommandos in Miami (Florida) am Wochenende mehr als 6000 Angehörige der US-Streitkräfte in Haiti oder zumindest in Küstennähe aufhalten.

Unterdessen wurde bekannt, dass das Beben auch im Süden des Karibikstaates schlimme Schäden angerichtet hat. Städte und Ortschaften dort seien schwer beschädigt, sagte der Repräsentant der Welthungerhilfe in Haiti, Michael Kühn. Die internationale Staatengemeinschaft sei in diesem Gebiet noch nicht "besonders engagiert". Noch immer ist das gesamte Ausmaß der Katastrophe ebenso unklar wie das Schicksal vieler der knapp 100 Deutschen in dem Inselstaat.

Ein Sprecher des Auswärtigen Amtes in Berlin sagte, eine Gruppe von sechs Bundesbürgern sei zurück nach Deutschland geflogen. Andere seien in die benachbarte Dominikanische Republik ausgereist. Auch drei 16, 22 und 27 Jahre alte Flensburger, die bei einem kirchlichen Austauschprojekt am Aufbau eines Waisenhauses beteiligt waren, blieben unverletzt.

Die gigantische Welle der Hilfsbereitschaft hielt weiter an. Allein Weltbank, Internationaler Währungsfonds und die USA sagten jeweils 100 Millionen (rund 69 Millionen Euro) zu. Schauspieler und Prominente riefen zu Spenden auf oder starteten Spendenaktionen. Haitis Botschafter Saget betonte, die Haiti-Hilfe dürfe "kein Tropfen auf den heißen Stein" werden. Die Unterstützung müsse länger fortgesetzt werden. "Man muss die Hilfe mittelfristig planen, denn es sieht aus wie nach einem Krieg in Haiti." Er wiederholte seine Forderung nach einer Art "Marshallplan" für sein Land.

Die USA, Frankreich und einige andere Staaten wollen so schnell wie möglich eine internationale Wiederaufbau-Konferenz für Haiti organisieren. Wie der französische Präsidentenpalast mitteilte, einigten sich Staatschef Nicolas Sarkozy und US-Präsident Barack Obama auf eine entsprechende Initiative. Ein Datum für die Konferenz stand zunächst noch nicht fest. Möglicherweise könnte sie im März stattfinden, sagte der französische Außenminister Bernard Kouchner am Freitagmorgen.

Die UNESCO kündigte Nothilfen für das haitianische Bildungssystem an. Die Zerstörung der Universität von Port-au-Prince und zahlreicher Schulen stelle einen katastrophalen Rückschlag für das arme Land dar, teilte die UN-Organisation für Bildung, Wissenschaft, Kultur und Kommunikation in Paris mit. "Bildung ist der Schlüssel zu Haitis Entwicklung", sagte Generaldirektorin Irina Bokowa.

Pläne für einen Neuanfang hat auch der umstrittene Ex-Präsident Jean Bertrand Aristide, der aus seinem Exil in Südafrika in die Heimat zurückkehren will. "Wir können es nicht erwarten, mit unseren Schwestern und Brüdern in Haiti wieder zusammen zu sein", sagte Aristide in Johannesburg. Er und seine Frau seien bereit, mit den Menschen das "Leid zu teilen, das Land wieder aufzubauen", betonte der 57-Jährige.

Der ehemalige Arbeiterpriester war 1990 bei den ersten freien Wahlen des karibischen Inselstaates zum Präsidenten gewählt worden. Im September 1991 wurde Aristide von Militärs gestürzt, 1994 mit Unterstützung der USA erneut als Präsident eingesetzt. 2004 musste Aristide angesichts bürgerkriegsähnlicher Unruhen und von Skandalen sowie nach Intervention der USA und Frankreichs das Land verlassen. Der Politiker fand mit seiner Frau und seinen zwei Töchtern Exil in Südafrika.

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