Ärzte Zeitung online, 21.01.2010

Manche Bilder bleiben einfach im Kopf

"Ärzte ohne Grenzen"-Chef Stöbe half bereits in sieben Krisengebieten / Professioneller Abstand ist wichtig

FRANKFURT/MAIN (Smi). Naturkatastrophen wie das Erdbeben in Haiti stellen Helfer vor enorme psychische Belastungen. Wie schützen sie sich? Wie kommen sie mit dem unermesslichen Leid klar? Indem sie sich auf das konzentrieren, was sie tun können, sagt Dr. Tankred Stöbe von Ärzte ohne Grenzen, der nach dem Tsunami 2004 auf Sumatra im Einsatz war.

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Auch Helfer gelangen in Krisengebieten oft an ihre Grenzen und sie begeben sich in Gefahr, beispielsweise bei Nachbeben wie am gestrigen Mittwoch. © dpa

"Das war schon dramatisch", erinnert sich der Berliner Arzt. "Als wir in Banda Aceh einflogen, war das ganze Land überschwemmt. Kollegen holten mich vom Flughafen ab. Das erste, was ich dann sah, waren diese Massengräber, wo Planierraupen die Leichen verscharrten."

So schockierend die ersten Eindrücke waren, so nachdrücklich führten sie dem Helfer die vor ihm liegende Aufgabe vor Augen. "Ich sage mir in einer solchen Situation. Ich kann jetzt etwas tun, ich bin jetzt nicht mehr weit weg, wo mich das Leid ohnmächtig lässt. Ich kann jetzt als Arzt tatsächlich helfen."

Tankred Stöbe war 2002 das erste Mal für Ärzte ohne Grenzen (MSF) im Einsatz, im Grenzgebiet zwischen Thailand und Birma. Sechs Hilfsaktionen folgten - in Nepal, auf Sumatra, in Liberia, zuletzt in Pakistan. Seit 2007 ist der 40-Jährige, der als Internist und Notfallmediziner am Gemeinschaftskrankenhaus Havelhöhe in Berlin arbeitet, Vorstandsvorsitzender der deutschen MSF-Sektion.

Manche Bilder gehen ihm auch Jahre nach seinen Einsätzen nicht aus dem Kopf. So etwa 2004 nach dem Bürgerkrieg in Liberia. "Mangels Sicherheit wurden einige junge Männer von anderen verfolgt und zusammengeschlagen, mit Benzin übergossen und angezündet. Mit schwersten Verbrennungen kamen sie dann zu uns, aber wir konnten nicht mehr viel für sie tun." Oder ein Jahr später, bei seinem Einsatz auf Sumatra: "Wochen nach dem Tsunami kam ein Schneider in unsere Klinik.

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" Die Einsätze im Katastrophengebiet sind extem schrecklich und extrem befriedigend." Dr. Tankred Stöbe Ärzte ohne Grenzen

Er hatte eine völlig nekrotisierte Hand, die wir nicht mehr retten konnten - wir mussten seinen halben Arm amputieren. Er hatte so lange gewartet, weil er seine Hand zur Arbeit brauchte und Angst hatte, durch die Behandlung im Krankenhaus werde sie unbrauchbar - ein Trugschluss mit umgekehrten Folgen."

Einsätze in Katastrophengebieten seien extreme Erfahrungen, so Stöbe. Extrem schrecklich und extrem befriedigend. Erträglich seien solche Erlebnisse nur, wenn sich ein Helfer auf das konzentriere, was er als Einzelner zu leisten imstande sei. "Man darf sich nicht von der Situation erdrücken lassen", erklärt der Arzt, "sich nicht vorstellen, dass da womöglich 200 000 Menschen getötet worden sind - das kann ich ja gar nicht aushalten. Ich muss mich auf meine tägliche Arbeit konzentrieren, auf die Leben, die ich retten kann." Dabei möchte er selbst nah an den Menschen bleiben. "Ein professioneller Abstand ist gut, einen Schutzpanzer will ich mir aber nicht zulegen", so Stöbe. "Ich will weder abgebrüht noch abgestumpft sein. Das Leid an mir zu spüren, ist eine wichtige Triebfeder meiner Arbeit."

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