Ärzte Zeitung, 26.01.2010

Medizinische Basisversorgung noch nicht möglich

Bislang nur katastrophenmedizinische Hilfe nach Erdbeben in Haiti / Ärzte ohne Grenzen: Immer mehr Menschen haben Infektionen

NEU-ISENBURG (inh/dpa). Knapp zwei Wochen nach dem Erdbeben in Haiti entspannt sich die Lage zwar etwas, aber die Zustände sind nach wie vor chaotisch. Zehntausende Menschen leiden weiter unter fehlender oder mangelnder Versorgung. Der allgemeine Bedarf nach medizinischer Hilfe im Katastrophengebiet nimmt nicht ab.

"Für unsere Mitarbeiter bedeutet es eine Herausforderung, die Versorgung für die steigende Zahl von Patienten mit Nachsorgebedarf zu organisieren", sagt die Sprecherin der Hilfsorganisation "Ärzte ohne Grenzen", Christiane Winje.

Nach Angaben der UN beträgt die Zahl der Verletzten 194 000. Die Zahl der Obdachlosen könnte die Million erreichen. "Eine medizinische Basisversorgung für diese Menschen herzustellen, ist im Moment noch nicht möglich. Unsere Ärzte behandeln noch immer katastrophenmedizinisch", sagt Steffen Richter, Sprecher der Hilfsorganisation "Humedica". Zudem befinden sich nach Angaben von "Ärzte ohne Grenzen" in einigen Gegenden von Port-au-Prince zunehmend Menschen mit Infektionen oder die an medizinischen Komplikationen leiden.

Dies sei unter anderem auf die nur einfachen oder von Laien vorgenommenen Behandlungsversuche der ersten Tage nach dem Erdbeben zurückzuführen. Aber auch für die professionellen Einsatzkräfte vor Ort gestaltet sich die medizinische Versorgung der Erdbebenopfer schwierig. Zum einen muss immer wieder mit Nachbeben gerechnet werden. Erst am Sonntag war Haiti erneut von Erdstößen der Stärke 4,7 heimgesucht worden. Auch die internationale Hilfe kommt nur langsam bei den Bedürftigen an.

Die Rahmenbedingungen, unter denen die medizinischen Helfer arbeiten, sind nach wie vor extrem. "Humedica" hat 23 Einsatzkräfte vor Ort. Diese arbeiten sowohl in Port-au-Prince als auch in Leogane. In Leogane versorgen die Mitarbeiter die Verletzten in großen Zelten. Ein Krankenhaus gibt es nicht, denn es wurde fast alles zerstört. "Alles ist irgendwie provisorisch und immens schwierig", sagt Steffen Richter. Die medizinischen Helfer müssten unglaublich viel improvisieren und vor allem sehr flexibel sein.

Auch die psychische Belastung ist nicht nur für die Opfer, sondern auch für die Einsatzkräfte vor Ort hoch. "Humedica" bietet seinen Einsatzkräften sogenannte member-care-Sitzungen an. Dort können sie in Gruppen oder auf Wunsch auch in Einzelgesprächen ihre Erfahrungen mit einem Psychotherapeuten besprechen, der auf die Betreuung von Einsatzkräften in Krisengebieten spezialisiert ist. Auch "Ärzte ohne Grenzen" hat Spezialisten, die sich um Mitarbeiter kümmern, die zum Beispiel zum Zeitpunkt des Erdbebens im Land waren und durch die schrecklichen Ereignisse Traumata erlitten haben.

Das Problem dabei sei, erklärt Richter, dass die Betroffenen häufig nicht erkennen würden, dass sie Hilfe brauchen. "Diese Abwehrhaltung bei den Ärzten und anderen Helfern ist die erste Hürde, die wir überwinden müssen", so Richter.

Unterdessen kündigte der Staatsminister im Auswärtigen Amt, Werner Hoyer, an, dass die deutsche Hilfe für die Erdbebenopfer in Haiti weiter ausgeweitet werde.

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