Ärzte Zeitung online, 28.01.2010

Apotheker: Jede zweite Internet-Arznei gefälscht

HANNOVER (dpa). Die Zahl der gefälschten Medikamente aus dem Internet steigt von Jahr zu Jahr an und selbst die Angst vor der Schweinegrippe nutzen Arzneimittelfälscher aus: Im Internet werden nach Angaben von Apothekern seit Beginn der Erkrankungswelle verstärkt Plagiate des Grippemittels Tamiflu® angeboten, die wirkungslos oder sogar gesundheitsschädigend sein können.

Die niedersächsische Apothekerkammer hat deswegen am Donnerstag Alarm vor gefälschte Pillen aus dem Internet gewarnt. "Über 50 Prozent der über das Internet vertriebenen Medikamente sind inzwischen Fälschungen. Wir fordern fälschungssichere Arzneimittel-Verpackungen", sagte die Präsidentin der Apothekerkammer, Magdalene Linz.

Für behördlich registrierte Versandapotheken gibt es bislang bereits ein Sicherheitslogo des Instituts für medizinische Dokumentation und Information (DIMDI). Wer das orange Logo auf der Webseite einer Versandapotheke anklickt, gelangt zu den Eintragungen im DIMDI-Register. Wer Angst vor gefälschten Logos hat, kann auch das DIMDI-Register selbst einsehen (https://versandapotheken.dimdi.de).

Verbraucherschützer raten zudem, auf Angaben zu Adresse, Telefonnummer, allgemeinen Geschäftsbedingungen und zuständigen Aufsichtsbehörde zu achten. Außerdem sollte es eine Beratungshotline geben und die Bestellung verschlüsselt erfolgen.

Die Gewinne aus dem Geschäft mit gefälschten Pillen sind nach Auskunft von Experten des niedersächsischen Landeskriminalamtes um ein vielfaches höher als beispielsweise bei Rauschgift. So könnten kriminelle Hersteller und Händler mit einem Kilo Viagra® das 1600-fache des investierten Geldes verdienen. Der Fall eines jungen Mädchens aus Hannover, das 2008 an einem illegalen Schlankheitsmittel aus dem Internet gestorben war, veranlasste die Fahnder, diesen Bereich verstärkt unter die Lupe zu nehmen.

"Das ist ein irrsinnig lukratives Geschäft. Und das einzige, was sie zum Bestellen auch von verschreibungspflichtigen Arzneien im Internet brauchen, ist eine Kreditkarte", sagte Professor Harald Schweim aus Köln, der sich seit langem mit Arzneimittelfälschungen befasst.

Beim Zoll macht die Anzahl der Verfahren wegen der Einfuhr von illegalen Medikamenten aus dem Ausland inzwischen fast ein Drittel der gesamten Arbeit aus. Bundesweit wurden 2008 rund 4,8 Millionen illegale Tabletten vom Zoll beschlagnahmt. "2009 sind die Zahlen erneut gestiegen", sagte Zollfahnder Wolfgang Schmitz. Er beobachtet, dass die Fälschungen inzwischen auch vermehrt innerhalb von Deutschland selbst hergestellt werden. So sei in Hessen erst kürzlich im Keller eines Einfamilienhauses eine riesige Produktionsstätte entdeckt worden.

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