Ärzte Zeitung, 03.02.2010

Ärzte in Haiti: "Wir spüren große Dankbarkeit"

Mediziner operieren in Haiti rund um die Uhr - ihnen fehlt aber notwendiges Material

Die Menge der Wartenden ist erdrückend. Viele haben offene Unter- und Oberschenkelbrüche. So langsam gehen Gipsmaterial, Watte und Nägel aus. Das ist in Haiti der Alltag des Chirurgen Dr. Eckehart Wolff und seines fünfköpfigen Teams. Hier Auszüge aus seinem Tagebuch.

Von Dr. Eckehart Wolff

Ärzte in Haiti: "Wir spüren große Dankbarkeit"

Haiti-Tagebuch eines Arztes
Eckehart Wolff

Montag, 18. Januar:

Die Menge der Wartenden ist erdrückend, aber wir spüren große Dankbarkeit. Eine einheimische Frau, die im OP sterilisiert und vorbereitet, hat mit ihren fast 80 Jahren einen 14-Stunden-Arbeitstag und das nun schon seit Tagen. Dann geht's wieder an das Übliche: offene Unter- und Oberschenkelfrakturen. Wo bleibt der Nachschub? So langsam gehen uns das Gipsmaterial, die Watte und die Nägel aus.

Am Nachmittag trifft eine weitere Gruppe von Krankenschwestern und Ärzten ein. Ein Orthopäde, ein Allgemeinchirurg und eine Anästhesistin kommen mit uns in den OP. Sie kommen ohne Starallüren und reihen sich nahtlos in unser Team ein. Am Abend ist unser Anästhesist am Ende. Wir schicken ihn ins Bett, können aber trotzdem unser Op-Programm abschließen, diesmal um 21 Uhr. Heute waren es mit vielen kleineren Eingriffen mehr als 30 operierte Patienten.

Im Op-Bereich liegt immer noch die Frau von gestern mit ihren blutenden Magengeschwüren. Eine Blutbank gibt es nicht. Das Labor hat keine Einrichtung zur Bluttransfusion. Die neue Anästhesistin findet aber einen Weg, mein Blut der Patientin direkt zu übertragen.

Anschließend erscheint ein Soldat der US-Army. Er fragt, ob er uns einige hundert Verletzte schicken kann. Antwort: Nur, wenn er uns Material schickt. Das kann er erst in zwei bis drei Tagen. Er zieht wieder ab. Am Abend hörten wir, dass in der ganzen Stadt nur fünf Op-Säle funktionieren sollen - zwei davon bei uns.

Wir brauchen immer noch mehr Material, zum Beispiel eine Gipssäge, die das Hospital nicht besitzt. Außerdem müssen wir uns auf die zweite Phase einstellen: Die geschlossenen Frakturen müssen mit Platten und Nägeln versorgt werden, aber unter viel sterileren Bedingungen.

Donnerstag, 21. Januar

Einige waren heute in der Stadt und berichten Schreckliches. Dort leben die Menschen in Zelten und unter freiem Himmel. Es räumt keiner auf. Von einer Regierung und organisierter Hilfe des Landes selbst ist nichts zu spüren. Im Universitätshospital im Zentrum liegen etwa 2000 Patienten. Die Ärzte operieren dort am laufenden Band in 12-Stunden-Schichten.

Bei uns ist die Stimmung nach Spannungen wieder gut. Einige haben auf eigene Faust Material mit in die Stadt genommen. Jetzt überlegen wir gemeinsam, ob wir nicht abwechselnd zusätzliche Nachtschichten in der Stadt einlegen sollten, um dort vor Ort zu helfen.

Bei uns haben wir die Arbeitszeit auf einen Zwölf-Stunden-Tag reduziert. Uns sind weitere Lieferungen von Platten und Instrumenten versprochen worden. Wir sind jetzt bei 83 operativen Eingriffen angelangt. Bin gespannt, wie es weiter geht.

Haiti-Tagebuch eines Arztes
Folge 3: Eine Mutter überlebt - und verliert vier Kinder
Folge 2: Ärzte in Haiti: "Wir spüren große Dankbarkeit"
Folge 1: Haiti: "Ich bin gerettet, ruft das kleine Mädchen, ich bin gerettet"

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