Ärzte Zeitung online, 04.02.2010

Komplette Neandertaler-Genom entschlüsselt

TÜBINGEN (eb). Eine Million Basenpaare der Kern-DNA des Neandertalers wurden nun entschlüsselt. Zuvor waren immer nur wenige kurze Abschnitte der Erbinformation, noch dazu nur mitochondriale DNA, entziffert worden. Durch Vergleiche mit den Genomen von Menschen konnte nun gezeigt werden, dass sich die DNA-Sequenzen der Neandertaler und der modernen Menschen vor etwa 500 000 Jahren auseinanderentwickelten.

Dieser Nachweis ist ein grundlegender Beitrag zur Klärung der Verwandtschaftsverhältnisse beider Menschenformen.

Einer Arbeitsgruppe, um den Nachwuchsforscher Dr. Johannes Krause konnte durch genetische Analysen an Menschenfossilien aus dem russischen Altai-Gebiet diese als Neandertaler identifiziert und somit das bisher bekannte Verbreitungsgebiet dieser Menschenform enorm ausweiten.

Darüber hinaus konnten die Wissenschaftler zeigen, dass zwei bestimmte evolutionäre Veränderungen im Sprachgen FOXP2 sowohl bei Neandertalern als auch bei anatomisch modernen Menschen nachweisbar sind. Diese Änderungen müssen somit noch vor der Aufspaltung in beide Linien stattgefunden haben, was nahelegt, dass Neandertaler wohl eine gut ausgeprägte Sprachfähigkeit besaßen.

Es konnte unter Krauses Federführung erstmals das komplette mitochondriale Genom eines frühen anatomisch modernen Menschen mit einem Alter von 30 000 Jahren aneinandergefügt werden. Diese Ergebnisse liefern der Forschung weitere Fakten über den Prozess der Besiedlung Europas durch anatomisch moderne Menschen, die Ablösung der Neandertaler und schließlich die Bevölkerungsstruktur frühmoderner Europäer.

Aufgrund seiner herausragenden wissenschaftlichen Leistungen in seiner Dissertation "From Genes to Genomes: Applications for Multiplex PCR in Ancient DNA Research" wird der 29-jährige Krause mit dem Tübinger Förderpreis ausgezeichnet. Er ist am Max-Planck-Institut für evolutionäre Anthropologie in Leipzig tätig.

Erstmals erhält ein Wissenschaftler aus dem Bereich der Genetik den Preis, der mit 5000 Euro dotiert ist. Der Förderpreis ist der höchst dotierte jährlich vergebene Preis dieser Art für Archäologen.

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