Ärzte Zeitung online, 16.02.2010

Sprachproblem droht EU zu lähmen

BRÜSSEL (dpa). Der schon große Druck auf die Übersetzer dürfte sich noch verstärken, nachdem sich Europa mit dem Lissabon-Vertrag eine neue Rechtsgrundlage gegeben hat. Auf die Parlamente in den 27 EU-Ländern kommt damit nicht nur mehr Macht zu, sondern auch eine wachsende Flut von Dokumenten. Und die Abgeordneten pochen darauf, alle Papiere in der eigenen Sprache vorgelegt zu bekommen.

In der Europäischen Union gibt es 23 Amtssprachen - darunter auch nicht oft gesprochene wie Maltesisch oder Estnisch. Rund 4500 Beamte arbeiten daran, Diskussionspapiere, Tätigkeitsberichte, Redetexte oder Pressemitteilungen für die verschiedenen Institutionen zu übersetzen. Im Jahr 2009 bearbeiteten allein die 1750 Übersetzer der EU-Kommission 1,6 Millionen Seiten. Mit 300 Millionen Euro jährlich schlagen schriftliche Übersetzungen für die "Geschäftsführung" der EU zu Buche.

"Bei wichtigen Entscheidungen muss man Monate im Voraus denken", so Brüsseler Diplomaten. Für die Übersetzung eines zweiseitigen Dokuments brauche es eine Woche; bei 100 Seiten aufwärts könnten mehr als acht Wochen zusammenkommen.

Vor knapp sechs Jahren zog die EU-Kommission die Notbremse und beschloss eine Strategie für mehr Effizienz bei Übersetzungen. Seitdem wird oft nur noch das Nötigste in alle Amtssprachen übertragen. Auf den Schreibtischen der Bundestagsabgeordneten in Berlin landen daher zunehmend Dokumente in englischer Sprache - zum Ärger vieler Parlamentarier. "Die vollständige Übersetzung aller politisch relevanten EU-Dokumente in die deutsche Sprache ist die Grundvoraussetzung für eine effektive Wahrnehmung der Mitwirkungsrechte (...)", hieß es bereits im Jahr 2007 in einer fraktionsübergreifenden Stellungnahme des Bundestags. Die Abgeordneten weisen auch darauf hin, dass Deutsch die verbreitetste Muttersprache in der EU ist. Dennoch sei bis heute nichts passiert, kritisiert man im Europa-Ausschuss.

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