Ärzte Zeitung online, 18.02.2010

Meerschweinchen: Kuschelnde Männchen und balzende Weibchen

MÜNSTER (eb). Männlich oder weiblich? Bei einem Meerschweinchen ist das nicht auf den ersten Blick erkennbar. Es sei denn, es balzt. Dann ist es ein Männchen - meistens. Es kann aber auch ein Weibchen sein, dessen Mutter während der Schwangerschaft sozialem Stress ausgesetzt war.

Meerschweinchen: Kuschelnde Männchen und balzende Weibchen

Wildmeerschweinchen: Wer balzt, ist männlich - oder doch nicht? © Sylvia Kaiser / WWU Münster

"Vorgeburtlicher Stress kann bei Meerschweinchen und anderen Tieren ebenso wie beim Menschen die Entwicklung beeinflussen", sagt der Verhaltensbiologe Professor Norbert Sachser von der Westfälischen Wilhelms-Universität Münster (WWU). "Bislang ging man davon aus, dass solche Verhaltensänderungen Abweichungen von der Norm darstellen oder gar krankhaft sind. Wir fragen uns nun: Können sie auch eine Anpassung an die Umwelt sein?"

Die Wissenschaftler um Sachser vermuten: Neben der evolutionären Anpassung durch Selektion gibt es auch kurzfristige Verhaltensanpassungen. Diese werden etwa durch die Lebensumstände der Mutter während der Schwangerschaft festgelegt und sind nicht genetisch bestimmt.

"In stabilen kleineren Meerschweinchengruppen bekommen Weibchen, die sich typisch weiblich verhalten, mehr Nachwuchs", so Privatdozentin Sylvia Kaiser von der WWU Münster. "Dagegen könnten in sehr großen Gruppen, in denen die Sozialpartner häufig wechseln, die durchsetzungsstärkeren vermännlichten Weibchen einen Vorteil haben und sich besser fortpflanzen."

"Wir vermuten, dass eine Meerschweinchenmutter, die während der Schwangerschaft in einer großen, instabilen Gruppe lebt, ihre Töchter auf genau diese Lebensbedingungen optimal vorbereitet. Die Vermännlichung wäre dann eine Anpassung, kein Fehlverhalten", so Sachser.

Gemeinsam mit Wissenschaftlern in Potsdam und Bielefeld wollen die Münsteraner ihre Hypothesen nun überprüfen. Die Deutsche Forschungsgemeinschaft (DFG) unterstützt das Projekt für zunächst drei Jahre mit 1,5 Millionen Euro.

Weitere Informationen zu dem Forschungsprojekt

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