Ärzte Zeitung, 04.05.2010

"Lächeln ist die beste Visitenkarte"

Wenn Wohnungslose in Frankfurt zum Arzt wollen, steuern sie oft die Elisabeth-Straßenambulanz an. Dort werden täglich etwa 30 Patienten behandelt, teilweise ehrenamtlich. Nun gibt es auch eine zahnärztliche Sprechstunde.

Von Sabine Schiner

"Lächeln ist die beste Visitenkarte"

Martin K. war seit Jahren nicht mehr beim Zahnarzt. Dr. Giesbert Schulz-Freywald, Vize-Chef der Hessischen Landeszahnärztekammer, untersucht ihn. © ine

FRANKFURT/MAIN. Wohnungslose Menschen, die krank sind, werden seit mehr als 15 Jahren in der Elisabeth-Straßenambulanz in Frankfurt/Main medizinisch versorgt. Seit kurzem gibt es dort, in der Klingerstraße 8, nahe der Konstablerwache, auch eine zahnärztliche Sprechstunde.

Martin K. ist einer von sechs Obdachlosen, die an diesem Dienstag den neuen Service des Caritasverbandes Frankfurt nutzen. "Ich war seit mehr als zwei Jahren nicht mehr bei einem Zahnarzt", erzählt er. Den neuen Service findet er gut: "Das ist eine tolle Sache."

Die Idee dazu hatte die Frankfurter Zahnärztin Agnes d'Albon. Sie ist seit mehreren Jahren ehrenamtlich für den Caritasverband tätig und hatte bei der Landeszahnärztekammer Hessen angefragt, ob es nicht Kollegen gibt, die bereit sind, ehrenamtlich Wohnsitzlose zu behandeln. "Mehr als 20 haben sich daraufhin gemeldet", erzählt Kammer-Vize Dr. Giesbert Schulz-Freywald. Zunächst werde es jeden Dienstag eine Sprechstunde geben. Läuft alles gut an, sei durchaus denkbar, die Praxis auch an Donnerstagen zu öffnen.

Was die Zahnärzte bei ihrem Engagement antreibt, erklärt Schulz-Freywald mit wenigen Sätzen: Menschen wie Martin K. würden in unserer Gesellschaft gerne übersehen. "Und genau denen wollen wir helfen." Der Handlungsbedarf, so der Zahnarzt, sei groß. Er begrüßt, dass das neue Angebot parallel zur medizinischen Ambulanz der Caritas angeboten werde. "Mundgesundheit und Allgemeingesundheit sind untrennbar verbunden." Gesunde Zähne beugten Erkrankungen vor und verbesserten die Heilungschancen. Gesunde Zähne hätten zudem eine positive Wirkung nach außen, was etwa bei einem Bewerbungsgespräch für einen Job oder für eine Wohnung eine große Rolle spiele. "Lächeln ist die Visitenkarte", sagt der Arzt.

In der medizinischen Ambulanz und im Pflegebus werden von den zwei halbtags beschäftigten Ärztinnen und ihren zehn Mitarbeitern täglich bis zu 30 Patienten behandelt. Viele kommen auch nur, um in der Kleiderkammer zu stöbern oder um zu duschen. "Es brauchen immer mehr Menschen unsere Hilfe", sagt die Allgemeinmedizinerin und Leiterin der Ambulanz Dr. Maria Goetzens.

Die Zahnärzte konzentrieren sich bei ihrer Arbeit auf die Schmerzlinderung, sie machen zudem Füllungen, chirurgische Eingriffe und Prophylaxe. Die Stadt hat einen Investitionszuschuss von 20 000 Euro zugesagt, weitere 20 000 Euro kommen von der Caritas. Der Behandlungsstuhl ist gesponsert, viele Kleingeräte und das Dentallabor haben Zahnärzte zur Verfügung gestellt. Geleitet wird die Einrichtung von Agnes d'Albon. Sie hat eine institutsbezogene Ermächtigung und kann somit auch mit den Krankenkassen abrechnen. Die Erfahrungen aus der medizinischen Ambulanz zeigen, dass etwa die Hälfte der Obdachlosen krankenversichert ist.

Martin K. verlässt nach einer halben Stunde mit einem Lächeln im Gesicht die Ambulanz: "Nein, es wurde nicht gebohrt." Nur Zahnstein sei entfernt worden, mehr nicht. "Das kommt vom Rauchen", sagt er und macht sich wieder auf den Weg in die Straßen von Frankfurt.

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