Ärzte Zeitung online, 26.03.2010

Moskau dreht am Uhrzeiger - Erste Zeitzonen fallen

MOSKAU (dpa). Einst galten Russlands elf Zeitzonen auch als Symbol der Macht im größten Land der Erde. Nun aber macht Kremlchef Dmitri Medwedew ernst mit seiner umstrittenen Idee vom November, die Uhren im Riesenreich neu zu stellen.

Wenn Russland an diesem Sonntag auf Sommerzeit umschwenkt, reduziert sich die Zahl der Zeitzonen erstmals von elf auf neun. Der 44 Jahre alte Präsident sieht den Zeitunterschied zwischen Kaliningrad (früher Königsberg) an der Ostsee und der Pazifik-Halbinsel Kamtschatka als großes Hindernis bei seinen Plänen, das Land zu modernisieren. Deshalb sollen bis Februar 2011 Wissenschaftler prüfen, ob und wo weitere Zeitzonen fallen können - ohne damit die Gesundheit der Bürger zu gefährden.

Auch die Sommerzeit in Russland steht auf dem Prüfstand. Weil viele Russen über Gesundheitsprobleme durch die Umstellung klagen und auch Medwedew keinen echten Nutzen sieht, denkt Moskau über ein Ende der Sommerzeit nach. "Ich habe nie jemanden gehört, der sagt, dass das auch wirklich gut und sinnvoll ist", sagte Medwedew. Experten betonten, dass der Energiespareffekt durch die Sommerzeit gering sei. Deutlich mehr Energie lasse sich sparen, wenn die gewaltigen Gas- und Ölreserven Russlands effektiver eingesetzt und auch Gebäude besser isoliert würden.    

Der Gouverneur des sibirischen Gebiets Kemerowo, Aman Tulejew, bezeichnete die Sommerzeit als Unfug, der traditionell zum Chaos bei "Mensch und Kuh" führe. Er legte Analysen vor, wonach infolge der Zeitumstellung die Zahl der Havarien und der Herz-Kreislauf-Krankheiten bei älteren Menschen steige. Medwedew will deshalb für seine "Reform der Uhrzeit" vor allem die biomedizinischen Folgen untersuchen lassen.

Vorerst brechen nun in Kemerowo und Kamtschatka im äußersten Osten neue Zeiten an. Sie rücken am 28. März 2010 um eine Stunde näher an die in Moskau gültige Zeit heran. Der Zeitunterschied zwischen Kamtschatka und der Hauptstadt liegt künftig nur noch bei acht statt neun Stunden. In der Teilrepublik Udmurtien westlich des Urals sowie in Samara an der Wolga ticken die Uhren künftig so wie in Moskau.    Allerdings regt sich auch Widerstand. Viele Menschen in Samara lehnen die zeitliche Bevormundung aus Moskau ab - sie erinnern an das "gescheiterte Experiment", als sie schon von 1989 bis 1991 unglücklich nach Moskauer Zeit lebten. Ihre Hauptsorge ist nun wieder der frühe Einbruch der Dunkelheit schon gegen 15.00 Uhr im Dezember samt der Folgen für das Gemüt sowie die steigenden Energieausgaben.

Doch Medwedew verspricht sich in seinem stark von der Moskauer Machtzentrale aus gelenkten Land insgesamt ein leichteres Regieren. Durch die größere zeitliche Nähe zu Moskau sollen nicht nur Verwaltungen in den entlegenen Regionen während der Arbeitszeit in der Hauptstadt besser erreichbar sein. Der Präsident erhofft sich vor allem ein "regeres Wirtschaftsleben" der Regionen untereinander. "Die Reduzierung der Zeitzonen hilft dabei, neue wirtschaftliche Kontakte und Projekte anzustoßen", sagte Medwedew. Geschäftsleute und Beamte beklagen seit Langem, dass der Arbeitstag im äußersten Osten Russlands schon zu Ende ist, wenn er in der Hauptstadt erst beginnt.

Als Medwedew im vergangenen Herbst in seiner Rede an die Nation mit dem Vorschlag eines neuen Gesetzes der Zeitregelung in Russland überraschte, führte er erfolgreiche Nationen wie die USA als Vorbild an, die auch mit weniger Zeitzonen auskämen. Als Beispiel nannte er zudem China, das zwar fünf Zeitzonen umfasst, offiziell aber nach Pekinger Zeit lebt. Russland könne nach Meinung von Experten künftig vielleicht mit vier bis sieben Zeitzonen auskommen. So ließe sich etwa der Zeitunterschied zwischen Wladiwostok, der wichtigen Hafenstadt am Pazifik, und der 6500 Kilometer entfernten Hauptstadt Moskau von sieben auf vier Stunden reduzieren.

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