Ärzte Zeitung online, 29.03.2010

"Ein harter Kampf" - Drogensucht und Aids in Indien

NEU DELHI (dpa). Schmutzige Kleidung, leerer Blick, Spuren von Einstichen an Armen und Beinen - die Männer sind gezeichnet vom Drogenmissbrauch, der ihnen das Leben auf den Straßen Neu Delhis erträglicher machen soll. Rund ein Dutzend haben sich an diesem Nachmittag im Abhängigen-Zentrum der Hilfsorganisation Sharan (Schutzraum) im Norden der indischen Hauptstadt versammelt.

In einem unscheinbaren Flachbau am Ufer des Flusses Yamuna können sie ausruhen, gebrauchte Spritzen gegen neue eintauschen und sich medizinisch versorgen lassen. Hauptziel der Einrichtung ist jedoch der Kampf gegen die Ausbreitung der Immunschwächekrankheit Aids.

Nach Angaben des indischen Gesundheitsministeriums leben im Land geschätzte 2,5 Millionen Menschen mit dem HI-Virus. Nach Nigeria und Südafrika sind das die meisten weltweit. Mit etwa 18 000 ist der Anteil von Drogenabhängigen an dieser Zahl zwar relativ gering. Seit einigen Jahren verzeichnen die Behörden allerdings landesweit einen Anstieg der Neuinfektionen unter Süchtigen: 2007 waren 7,2 Prozent der Betroffenen infiziert. Innerhalb eines Jahres stieg der Wert auf 9,2 Prozent. Aktuellere Zahlen gibt es nicht. Die Verantwortlichen räumen jedoch ein, dass der Anteil noch größer geworden sein könnte.

"Bei unseren Klienten ist Aids zunehmend ein Thema", hat Sharan-Mitarbeiter Shabab Alam bemerkt. "Immer mehr Abhängige kommen zu uns, weil sie Angst haben, sich anzustecken. Daher bieten wir neben der medizinischen Betreuung auch Beratung an." Einer der Männer, der seinen Namen nicht nennen will, erzählt, dass er vor etwa 20 Jahren als Jugendlicher nach Delhi gekommen sei. Da er keine Arbeit gefunden habe, sei er aus Frust den Drogen verfallen. Heroin, Schmerzmittel, Antidepressiva - alles Mögliche habe er sich in den Körper gespritzt. Nun wolle er davon loskommen, sagt er, "auch wegen dieser Krankheit".

Die Themen Drogenmissbrauch und Aids waren in Indien bis vor wenigen Jahren vor allem auf den kleinen, von separatistischer Gewalt erschütterten Bundesstaat Manipur an der Grenze zu Birma begrenzt - 2500 Kilometer von Neu Delhi entfernt. Dort nahmen schon in den 80er Jahren tausende junge Männer Heroin, das aus den Drogenlabors des Nachbarlandes stammte. Viele teilten ihre Spritzen mit Freunden und Leidensgenossen - und infizierten sich so mit HIV. Nach Angaben von Wissenschaftlern waren Ende der 90er Jahre zwei Drittel der mehr als 15 000 Abhängigen positiv. Ein Großteil ist inzwischen gestorben.

"In unserem Bewusstsein war das dennoch weit weg", räumt freimütig die Staatssekretärin im Gesundheitsministerium, Sujatha Rao, ein. "Heute allerdings haben wir das Problem vor unserer Haustür." Während man die Lage im Nordosten auch mit Hilfe nichtstaatlicher Initiativen zunehmend in den Griff bekomme, hingen besonders in Delhi sowie den nordindischen Bundesstaaten Punjab und Haryana immer mehr Menschen an der Nadel. "Das ist neu, und die Gesellschaft muss lernen, mit dem Problem umzugehen", sagt Sujatha Roa. Ihre Regierung habe den ersten Schritt getan, indem sie Drogenabhängigen beim 1,8 Milliarden Euro schweren Nationalen Aids-Kontrollprogramm "NACP III" (2007 bis 2012) besondere Aufmerksamkeit zukommen lasse.

Neben Spritzentausch gehört Drogen-Substitution zum wichtigsten Teil des staatlichen Großprojekts. Abhängigen wird die Möglichkeit gegeben, legale Ersatzdrogen zu schlucken und so von den Spritzen loszukommen. Die Gefahr, sich aufgrund von Verunreinigungen mit dem HI-Virus anzustecken, sinkt dadurch gegen null. Landesweit gibt es heute etwa 220 Anlaufstellen, die Orale Substitutionstherapie (OST) anbieten. "Aber es war ein harter Kampf, das in der Regierung durchzusetzen", berichtet Rao. Viele Beamte hätten den Gesundheitsaspekt lange ignoriert und die Meinung vertreten, Substitution ermuntere erst zu Drogenmissbrauch.

Shabab Alam von Sharan kann da nur den Kopf schütteln. Wer sich nach einer Beratung zur Teilnahme am Substitutionsprogramm entscheide, sagt er, habe meist schon eine lange Drogenkarriere hinter sich. Von Ermunterung könne keine Rede sein.

Im Flachbau am Yamuna-Fluss warten die Abhängigen geduldig darauf, dass ihnen ein Mitarbeiter die im Mörser zerkleinerten Tabletten verabreicht. "Jeder muss das Pulver vor unseren Augen schlucken", sagt Shabab Alam. Ansonsten bestehe die Gefahr, dass die Männer die Medikamente mitnehmen und auf der Straße weiterverkaufen. Die meisten Teilnehmer hätten aber verstanden, dass sie die Therapie vor Aids schütze und ihnen zudem den Einstieg in den Ausstieg aus der Sucht ermögliche.

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