Ärzte Zeitung online, 29.03.2010

Nach den Anschlägen: Die Lage in Moskau

MOSKAU (dpa). Blut, Chaos und Tränen an der Station Lubjanka in der Moskauer Innenstadt. Schwerverletzte liegen blutüberströmt am Boden. Kurz zuvor hatten sich am Montagmorgen hier und an der Haltestelle Park Kultury zwei Selbstmordattentäterinnen in die Luft gesprengt und mindestens 38 Fahrgäste mit in den Tod gerissen.

Orientierungslos stolpern Menschen mit glasigen Augen auf der Suche nach Verwandten durch das Gewirr von Einsatzfahrzeugen, Sanitätern und Polizisten. Die Station ist weiträumig abgesperrt. Hubschrauber knattern über dem Anschlagsort direkt gegenüber der Zentrale des Geheimdienstes FSB.

Um 7.56 Uhr Ortszeit bricht im morgendlichen Berufsverkehr das Chaos los, als sich eine Frau mit vier Kilogramm TNT an der Station Lubjanka in die Luft sprengt. Ausgelöst wird die Detonation angeblich mit einem Telefonanruf. Nur 44 Minuten später folgt der zweite Anschlag in der Haltestelle Park Kultury - auch hier dieselbe Vorgehensweise. Schon bald melden Ermittler, sie hätten Leichenteile der Attentäterinnen gefunden, eine sei 18 bis 20 Jahren alt. Die Behörden sind sicher: Es waren Untergrundkämpferinnen aus Russlands Unruheregion Nordkaukasus.

Ein wackliges Amateur-Video, das bereits kurz nach den Anschlägen im Internet auftaucht, zeigt, wie sich an der Station Park Kultury eine riesige Menschenmenge Richtung Ausgang wälzt. Ein Mann soll dabei zu Tode gequetscht worden sein. Die Eingangstüren zu den Haltestellen wurden nicht geschlossen. Tausende Menschen strömen wie an jedem Morgen hinein und drängen nichtsahnend nach.

Nach Angaben von FSB-Chef Alexander Bortnikow waren den Sprengsätzen Metallteile beigemischt, um die Wirkung noch zu verstärken. Das Innenministerium schaltet eine Notrufnummer. Journalisten beklagen, dass sie nicht näher an den Anschlagsort herangelassen werden. Die Fernsehsender zeigen Bilder und Augenzeugenberichte in Serie.

Nur wenige Meter von der Lubjanka entfernt deutet nichts auf ein Attentat hin. Autos fahren direkt vor der Station vorbei. An der Rückseite des Gebäudes halten Bauarbeiter rauchend ein Schwätzchen. "Alles normal", sagt ein Angestellter gleich nebenan in einer Bankfiliale. Auch die Metro fährt weiter, als sei nichts geschehen, nur an der Lubjanka hält kein Zug. Zwar sind mehr Milizionäre zu sehen als sonst, doch strengere Kontrollen gibt es nicht. Wie immer hasten Hunderte Passagiere die langen Rolltreppen hinauf und herunter, quetschen sich in die alten Waggons.

Die Untergrundbahn ist das schnellste und zuverlässigste Verkehrsmittel in Moskau. Der Verkehr steht fast immer kurz vor dem Kollaps. Dennoch weichen heute mehr Menschen auf Autos aus als sonst - ein lukratives Geschäft für die Taxifahrer, die ihre Preise flugs verzehnfachen.

Täglich benutzen etwa neun Millionen Menschen die Metro - eine solche Masse ist unmöglich zu überwachen. Die U-Bahn ist ein leichtes Ziel für Terroristen wie etwa islamistische Untergrundkämpfer aus der Unruheregion Nordkaukasus. Pläne wie der von Staatsbahn-Chef Wladimir Jakunin, Bahnhofseingänge mit Metalldetektoren auszurüsten, dürften nach dem neuen Attentat weiter Auftrieb erhalten.

Lesen Sie dazu auch:
Geheimdienst bestätigt Selbstmordanschläge in Moskau - Update 15:30 Uhr

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