Ärzte Zeitung online, 30.03.2010

Hungertod eines Kindes - Nachbarn hatten Amt informiert

TIRSCHENREUTH (dpa). Der Hungertod eines zweijährigen Mädchens in der Oberpfalz hätte möglicherweise verhindert werden können. Das zuständige Jugendamt habe bereits vor einem halben Jahr Hinweise besorgter Nachbarn erhalten. Diese riefen bei der Behörde an, weil die beiden Kinder der 21 Jahre alten Mutter nicht mehr im Garten spielten, sondern aus dem Fenster winkten.

"Die zuständige Fachkraft des Jugendamtes fasste diese Schilderung nicht als eine Meldung einer akuten Gefährdung der Kinder auf", wie der Landkreis Tirschenreuth am Dienstag mitteilte. Schließlich habe sich der Großvater der Kinder, der in der Nähe wohnte, nach Angaben der Nachbarn oft um die Kinder gekümmert.  

Das Mädchen war am Samstag tot in seinem Kinderbett gefunden worden. Die Obduktion ergab, dass die Kleine an Unterernährung, Flüssigkeitsmangel und verschiedenen Krankheiten gelitten hatte. Sie sei wegen Vernachlässigung gestorben, teilte die Polizei mit. Mit einem rechtzeitigen Arztbesuch hätte das Kind gerettet werden können. Die Staatsanwaltschaft Weiden wirft der allein erziehenden Mutter (21) Totschlag durch Unterlassen vor. Sie wurde festgenommen.

Warum nach dem besorgten Hinweis der Nachbarn kein Hausbesuch veranlasst und warum der Fall auch später nicht mehr aufgegriffen wurde, sei "heute nicht mehr nachvollziehbar - leider", sagte ein Landkreissprecher. "Unsere Fachkräfte haben schon Vorgaben, wie sie auf derartige Hinweise reagieren müssen. Und diese Hinweise wurden nicht als gravierend eingestuft." Das Jugendamt habe keinen Kontakt zu der Familie aufgenommen. "Das Jugendamt kannte die Familie nicht."

Die Staatsanwaltschaft ermittelt weiter gegen die Mutter. "Wir vernehmen weiter Zeugen", sagte der leitende Oberstaatsanwalt Gerd Schäfer in Weiden. Auch der Vater des toten Mädchens werde befragt. Er habe ein weiteres gemeinsames Kind mit der 21-Jährigen, lebe aber getrennt von ihr. Das Kind sei jetzt beim Vater, sagte Schäfer.    

Schreiben Sie einen Kommentar

Überschrift

Text

Die Newsletter der Ärzte Zeitung

Lesen Sie alles wichtige aus den Bereichen Medizin, Gesundheitspolitik und Praxis und Wirtschaft.

Weitere Beiträge aus diesem Themenbereich

Angst vor Stürzen sorgt für Verzicht auf Antikoagulans

Ein erhöhtes Sturzrisiko ist noch immer der häufigste Grund, auf eine orale Antikoagulation bei Vorhofflimmern zu verzichten. mehr »

Warum der Zuckersirup zum dicken Problem werden könnte

Seit Anfang Oktober gibt es in der EU keine Quotenregelung mehr für die aus Mais, Getreide oder Kartoffeln gewonnene Isoglukose. Experten befürchten eine Zunahme von Übergewicht und Diabetes. mehr »

Stotter-Therapie im virtuellen Raum

Geschätzt über 800.000 Bundesbürger stottern. Viele von ihnen ziehen sich komplett zurück, weil sie Ablehnung fürchten. Ein Ausweg: Therapie-Methoden, bei denen man zunächst zu Hause sprechen übt – online. mehr »