Ärzte Zeitung online, 09.07.2010

Drei neue Bärtierchen für die biomedizinische Forschung

STUTTGART (eb). Von nur wenige zehntel Millimeter kleinen Organismen, den Bärtierchen, gewinnen Forscher Erkenntnisse, die etwa in Biobanken genutzt werden können: Sie widerstehen der Austrockung und dem Gefrieren. Jetzt haben deutsche Forscher drei neue Arten entdeckt.

Drei neue Bärtierchen für die biomedizinische Forschung

Paramacriobiotus palaui, die neue Bärtierchenart aus dem Pazifik.

© Schill / Uni Stuttgart

Bärtierchen - mit der wissenschaftlichen Bezeichnung Tardigrada - sind Überlebenskünstler. Sie besitzen die bemerkenswerte Fähigkeit, vollständige Austrocknung oder ein Einfrieren zu überleben - ohne jeglichen Schaden! Von den 0,2 bis 1,0 Millimeter großen Organismen, die vor allem im Süßwasser und in Lebensräumen wie Moospolstern und feuchten Böden vorkommen, waren bisher etwa 1000 Arten bekannt.

Dr. Ralph Schill vom Biologischen Institut der Universität Stuttgart und seine Kollegen von der Universität Würzburg entdeckten dank einer neuen Methode nun drei weitere Arten (Organisms, Diversity & Evolution online)

Die drei neuen Bärtierchen stammen von der tropischen Inselgruppe Palau im Indopazifik, aus dem kalten Norden Alaskas, sowie aus Kenia und heißen dementsprechend Paramacriobiotus palaui, Paramacriobiotus fairbanksi und Paramacriobiotus kenianus. Sie wurden schon seit einiger Zeit als kryptische Arten angesehen, die sich jedoch so ähnlich sahen, dass es nicht möglich war, sie auseinander zu halten, wie die Universität Stuttgart mitteilt.

Organismen helfen, die Konservierung zu optimieren

Daher wendeten die Forscher - erstmals bei den Bärtierchen - die CBC-Methode (Compensatory Base Change) an. Mit molekularbiologischen und bioinformatischen Techniken wird dabei ein Teil der ribosomalen Gene (rDNA) vervielfältigt, sequenziert, in ihre natürliche Struktur gefaltet und dann auf DNA-Basenaustausche hin untersucht.

Mit einer 93-prozentigen Wahrscheinlichkeit lassen sich so neue Arten anhand ihres Erbgutes identifizieren, die mit herkömmlichen Sequenzen nicht ausreichend unterscheidbar sind. Zusammen mit weiteren molekularbiologischen, biochemischen und physikalischen Markern haben die Stuttgarter Forscher Gewissheit bekommen, dass sie es wirklich mit drei verschiedenen Arten zu tun haben.

Bärtierchen, die das Austrocknen und Gefrieren perfekt beherrschen, stellen ein ideales Modellsystem dar, um diese Überlebensmechanismen zu untersuchen. "Ein besseres Verständnis dieser Prozesse wird zu der Entwicklung neuer Methoden führen, die es ermöglichen, Zellen und ganze Organismen ohne Schäden zu konservieren. Dies wäre ein großer Vorteil für viele Gebiete im biomedizinischen Bereich und im Lebensmittelbereich", betont Schill.

Tardigraden wurden das erste Mal von dem Pastor Johann August Ephraim Goeze als "kleine Wasserbären" literarisch erwähnt. Er schrieb "…Seltsam ist dieses Thierchen, weil der ganze Bau seines Körpers außerordentlich und seltsam ist, und weil es in seiner äußerlichen Gestalte, dem ersten Anblicke nach, die größte Ähnlichkeit mit einem Bäre im Kleinen hat. Dies hat mich auch bewogen, ihm den Namen des kleinen Wasserbärs zu geben."

Topics
Schlagworte
Panorama (31193)

Schreiben Sie einen Kommentar

Überschrift

Text

Die Newsletter der Ärzte Zeitung

Lesen Sie alles wichtige aus den Bereichen Medizin, Gesundheitspolitik und Praxis und Wirtschaft.

Weitere Beiträge aus diesem Themenbereich

Welcher Grippeimpfstoff ist für Senioren am besten?

Für ältere Menschen gelten spezielle Impf-Anforderungen, so die Deutsche Gesellschaft für Geriatrie. Sie hat daher Tipps für Hausärzte zusammengestellt. mehr »

Pflegerat fordert 50.000 Stellen für die Krankenhäuser

Was hat die Pflegepolitik bewirkt? Die Meinungen sind gespalten: Gesundheitsminister Gröhe lobt die Erfolge der Koalition in der Pflegepolitik. Der Pflegerat hält dagegen. mehr »

Keine Bürgerversicherung, aber viele Wünsche

Beim Neujahrsempfang der Deutschen Ärzteschaft zeigte man sich erleichtert, dass die Bürgerversicherung vorerst vom Tisch ist. Reformbedarf gebe es aber. mehr »