Ärzte Zeitung online, 21.07.2010

Das Blitzlichtgewitter am Bielefelder Berg macht Pause

BIELEFELD (dpa). Keiner blitzt öfter, nirgends: Auf der wichtigen Ost-West-Route A2 leistet die Radaranlage am Bielefelder Berg seit anderthalb Jahren Schwerstarbeit. Im August wird der Blitzer für drei Monate abgebaut. Raser sollten sich aber nicht zu früh freuen.

Von Matthias Benirschke

Sie blitzt und blitzt und blitzt: in den vergangenen anderthalb Jahren mehr als 370 000 Mal, durchschnittlich 4700 Mal jede Woche, 666 Mal am Tag, 28 Mal pro Stunde: Deutschlands eifrigste Radarfalle steht auf der Autobahn A2 am Bielefelder Berg - und hat sich zum Goldesel für die klamme Kommune entwickelt. Bislang kamen rund 15 Millionen Euro rein. Nicht schlecht für eine Anlage, die rund 200 000 Euro gekostet hat. Mitte August stehen Bauarbeiten an und der Blitzer wird für drei Monate abgebaut.

Mehrfach weisen Schilder die Fahrer zwischen Bielefeld-Sennestadt und Bielefeld-Zentrum in Richtung Hannover auf "Tempo 100" hin, zweimal sogar mit der Ergänzung "Radarkontrolle". Das scheint aber viele nicht zu kümmern. Wie die Lemminge rasen sie in die Falle.

"Niemand hat bei der Planung mit einem solchen Erfolg gerechnet", sagt der Leiter des Bielefelder Ordnungsamtes, Roland Staude. Anfangs wollte die Stadt mit drei zusätzlichen Mitarbeitern die zusätzlichen Fälle bewältigen. Inzwischen sind es rund 26 Beschäftigte.

Bundesweite Statistiken zu Radarfallen liegen nicht vor. Der Blitzer auf der A3 am Elzer Berg habe bislang als erfolgreichste Anlage gegolten, sagt der Sprecher des Regierungspräsidiums Kassel, Michael Conrad. Am Elzer Berg gab es 2007 indes lediglich gut 68 000 geahndete Fälle mit Verwarn- und Bußgeldern von 1,7 Millionen Euro, kein Vergleich mit dem Bielefelder Berg.

Die A2 ist eine der wichtigsten Ost-West-Achsen Europas, daher ihr Spitzname "Warschauer Allee". Die Strecke zwischen Oberhausen und Berlin ist neben der A3 die meistbefahrene Autobahn Deutschlands: 50 000 Fahrzeuge jeden Tag in beiden Richtungen, Tendenz steigend.

Der Abschnitt bei Bielefeld gehört zu den gefährlichsten überhaupt. 2008 zählte die Polizei zwischen Bielefeld und der Landesgrenze zu Niedersachsen fast 460 Unfälle. Drei Menschen starben dort und 62 verletzten sich. Hauptursache: Raserei. Zugleich wurden die Radarmessungen für die Beamten zum Gesundheitsrisiko. Eine feste Anlage sollte her. Am 11. Dezember 2008 war es soweit.

Seitdem blitzt es fast pausenlos, aber: "Fast die Hälfte der Verstöße ist nicht verwertbar", sagt Amtsleiter Staude. So gebe es mit den meisten Staaten - außer Österreich und den Niederlanden - bislang keine Abkommen über die Verfolgung solcher Vergehen.

Spitzenreiter ist ein Raser, der mit Tempo 221 geblitzt wurde. "Oft versuchen sich die Fahrer herauszureden", erzählt Staude. "An der Spitze der Hitliste stehen Durchfall, hochschwangere Frau und kranke Kinder." Manche der Fotos haben auch Unterhaltungswert. "Auf einem war ein Autofahrer, der bei Tempo 130 das Jagdhorn blies." Ein anderes Mal raste eine Familie - Mutter, Vater und ein Jugendlicher - in die Radarfalle: Der Junge, keine 14 Jahre alt, saß am Steuer.

Zahlreichen Prominenten hat die Anlage ein Blitzlichtgewitter der anderen Art beschert. Durch die Medien gingen die Fälle von Dressur-Olympiasiegerin Isabelle Werth, dem Maler Markus Lüpertz, der gleich zweimal mit seinem Maserati porträtiert wurde, dem Sänger Peter Maffay und der "Tatort"-Kommissarin Simone Thomalla.

Alles nur Abzocke? "Wir dürfen nur aus Gründen der Verkehrssicherheit blitzen", versichert Staude. Und ist der Abschnitt sicherer geworden? Andreas Krummrey von der Autobahnpolizei betont, vor dem Aufbau des Blitzers sei die relevante Größe von 85 Prozent der Fahrzeuge trotz des Tempolimits 100 hier mit 130 gemessen worden. Jetzt sei dieser Wert immerhin auf Tempo 110 gesunken.

Seit Mitte Mai steigen die Blitzzahlen kräftig. Seitdem wird nämlich nicht nur im sogenannten Bußgeldbereich geblitzt, das heißt, wenn der Fahrer mindestens 21 Kilometer pro Stunde zu schnell war, sondern auch im niedrigeren Verwarngeldbereich.

Trotz der Ruhepause des Rekordblitzers gibt es keinen Grund zum Jubeln für Raser: Man werde die vermeintlich blitzerlose Zeit schon überbrücken, kündigt die Polizei an. Dazu werde kein personeller und technischer Aufwand gescheut.

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