Ärzte Zeitung online, 31.07.2010

Duisburg trauert

DUISBURG (dpa). 21 Kerzen für 21 Opfer und noch immer die Frage nach den Schuldigen: In einer bewegenden Trauerfeier haben Hinterbliebene, Rettungskräfte und Politiker für die Toten der Loveparade gebetet.

Duisburg trauert

Trauergäste gehen in der Salvatorkirche in Duisburg beim Gedenkgottesdienst für die Opfer der Loveparade-Katastrophe an den Kerzen vorbei, die für die Opfer aufgestellt wurden.

© dpa

„Die Loveparade wurde zum Totentanz“, sagte der amtierende Ratsvorsitzende der Evangelischen Kirche, Nikolaus Schneider, bei der Gedenkfeier in der Duisburger Salvatorkirche. „Mitten hinein in ein Fest überbordender Lebensfreude hat der Tod uns allen sein schreckliches Gesicht gezeigt.“

Bundespräsident Christian Wulff, Bundeskanzlerin Angela Merkel und Bundestagspräsident Norbert Lammert waren unter den Gästen. Nur eine einzige Vertreterin der Politik ergriff das Wort. Nordrhein-Westfalens Ministerpräsidentin Hannelore Kraft versprach am Samstag Aufklärung: „Wie konnte dies geschehen? Wer trägt die Schuld? Wer ist verantwortlich? Diese Fragen müssen und werden eine Antwort finden.“ Angesichts der Todesumstände der Opfer sei es schwer, Worte zu finden. „Uns alle lässt das Geschehene nicht los. Es macht uns betroffen, hilflos und manche auch wütend.“ 

Mehr als 500 Menschen versammelten sich in der Kirche. Der umstrittene Duisburger Oberbürgermeister Adolf Sauerland (CDU) nahm nicht teil, um die aufgebrachten Bürger nicht durch seine Anwesenheit zu provozieren. Auch Loveparade-Veranstalter Rainer Schaller kam nicht. Kraft sagte den Hinterbliebenen unbürokratische Hilfe zu. „Aber wir wissen auch, wir können Ihren Schmerz nicht ermessen und nicht lindern.“ Viele Zeugen der Katastrophe seien traumatisiert „angesichts der Bilder, die sie für immer in sich tragen“, sagte sie. 

„Ich kann nachempfinden, was Eltern, Großeltern, Geschwister und Freunde durchlitten haben, die stundenlang auf ein Lebenszeichen warten mussten.“ Auch ihr Sohn hatte am Katastrophentag die Loveparade besucht. Kraft rang häufig um Fassung, am Ende wurde ihre Stimme brüchig.

Rettungskräfte zündeten 21 Kerzen an

Zu Beginn der Trauerfeier wurden eine Kerze und ein Kondolenzbuch von dem nahe gelegenen Unglücksort an einem Tunnel zum Altar gebracht. Rettungskräfte, Notfallseelsorger und andere Einsatzkräfte zündeten die 21 Kerzen an. Der rheinische Präses Schneider sprach von „Trauer und Verzweiflung, Hilflosigkeit und Wut“, die das Denken der Menschen beherrschten. Er erwähnte in seiner Predigt auch „Erwachsene, die wie versteinert Verantwortung von sich weg schieben.“ Schneider weiter: „Wir können unsere Verstorbenen nicht mehr körperlich spüren. Wir können nicht mehr gemeinsam mit ihnen lachen und weinen, streiten und uns versöhnen. Aber wir tragen sie in unseren Herzen und in unseren Gedanken.“ 

Der Essener Bischof Franz-Josef Overbeck sprach von einem Leid, das lange währen wird. „So gegensätzlich ist unser Leben: In dem einen Moment ist Party angesagt und im anderen Moment liegen wir hilflos am Boden“, fuhr er fort. „Es bleibt schwer, mit dem zu leben, was geschehen ist. Und doch bleibt etwas und geht weiter, was auch der Name der “Loveparade“ zum Ausdruck bringt: Love heißt Liebe.“ Die Liebe sei stärker als der Tod und helfe durch die Schrecken dieser Tage. 

Der ökumenische Gottesdienst wurde auch in weiteren Kirchen der Stadt übertragen. Die Öffentlichkeit konnte die Feier auch im Stadion des MSV Duisburg verfolgen. Jedoch herrschte nur geringer Andrang an den Übertragungsorten.

Noch immer liegen 25 Verletzte im Krankenhaus. Die Staatsanwaltschaft ermittelt weiter "gegen unbekannt". "Daran wird sich erst etwas ändern, wenn eine bestimmte Verantwortlichkeit gegen eine bestimmte Person erkennbar wird", sagte Sprecher Rolf Haferkamp. Die Kölner Polizei hat 63 Beamte eingesetzt, die wegen fahrlässiger Tötung ermitteln.

Alle Berichte zur Tragödie in Duisburg:
Sa., 09:00 - Duisburg trauert
D0., 15:33 - Nach der Loveparade: Helfer sollten sich bald helfen lassen
Mi., 18:39 - Loveparade-Veranstalter hat Vorschriften nicht umgesetzt
Mi., 13:50 - Loveparade-Opfer: Die Gefühlswelt wird noch lange gestört sein
Mi., 10:48 - Loveparade: Weiteres Opfer gestorben, Ministerium legt Bericht vor
Di., 19:14 - Loveparade: Mauer des Schweigens wird rissig
Di., 18:12 - Wer beschuldigt wen? Akteure der Loveparade in Duisburg
Di., 16:04 - Wie viele Menschen waren wirklich auf der Loveparade?
Di., 14:49 - Psychotherapeuten richten Hotline ein
Di., 08:52 - Loveparade: 20 Tote, heftige Kritik an Polizei, Sicherheits-TÜV gefordert
Mo., 19:09 - Kölner Polizei übernimmt Ermittlungen zu Loveparade-Tragödie
Mo., 18:11 - Polizei: 1,4 Millionen Besucher unmöglich
Mo., 17:02 - Zahlen aus Duisburg: 511 Verletzte bei Loveparade, 15 Festnahmen
Mo., 15:15 - Nach dem Einsatz in Duisburg: "Ich empfand die Situation als surreal"
Mo., 15:10 - Im Gespräch: Ersticken in der Menschenmasse
Mo., 13:40 - Staatsanwaltschaft: Niemand mehr in Lebensgefahr
Mo., 12:06 - Duisburg plant Trauerfeier für Todesopfer
Mo., 11:23 - Loveparade-Tragödie: "Profilierungssucht und amateurhafte Organisation"
Mo., 09:54 - Überprüfung aller Großveranstaltungen gefordert
So., 14:30 - Loveparade endet im Tunnel des Todes

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