Ärzte Zeitung online, 03.09.2010

Nachweisverfahren für Gen-Doping ist auf dem Markt

BERLIN (dpa). Dr. Thomas Bach, der Präsident des Deutschen Olympischen Sportbundes (DOSB), ist optimistisch, die Doping-Experten sind skeptisch: Die Frage, wann der am Donnerstag erstmals vorgestellte Nachweis von Gendoping zum Einsatz kommen kann, bestimmt gegenwärtig die Diskussionen im Anti-Doping-Kampf.

Noch streiten die Experten, wann es erstmals zum Einsatz kommen kann. Unstrittig für alle ist: Ein wichtiger Schritt ist getan.

Bach hält es nicht für undenkbar, dass das neue Verfahren, das von deutschen Wissenschaftlern entwickelt wurde, schon bei den Olympischen Spielen 2012 in London zum Einsatz kommen kann.

"Wir begrüßen die neuen Erkenntnisse sehr. Die Abschreckungs-Wirkung ist enorm", sagte Bach am Freitag der Nachrichtenagentur dpa. "Die Proben werden ja acht Jahre eingefroren und da ist es egal, ob die Methoden nun schon vor Olympia validiert sind oder ein halbes Jahr später." Perikles Simon von der der Universität Mainz hatte tags zuvor bei der Vorstellung seiner Erkenntnisse davon gesprochen, dass der Einsatz des Verfahrens in London ein "Wunschtraum" sei.

Die prominenten deutschen Doping-Jäger stehen dem Einsatz des Verfahrens noch zurückhaltend gegenüber. "Sicher ist es ein wertvoller Schritt in die richtige Richtung. Aber im Moment gibt es noch nicht einen Beweis, dass Gen-Doping überhaupt schon praktiziert wird", sagte der Heidelberger Molekular-Biologe Werner Franke der dpa. "Es gibt schließlich verschieden Wege zur Einbringung solcher Präparate in den Körper, zum Beispiel in die Zellen des Atem-Trakts oder über die Hautzellen. Deshalb halte ich die derzeitige Diskussion für nicht aktuell."

Für seinen Nürnberger Kollegen Professor Fritz Sörgel scheint völlig ausgeschlossen, dass das Nachweis-Verfahren bei den Spielen in London praktiziert werden kann. "Natürlich kann man das Verfahren einsetzen, aber es würde nichts bringen. Es wird noch einige Zeit dauern, bis das Verfahren gerichtsfest abgesichert ist", meinte der Professor und gab zu bedenken, wie viele Jahre die Einführung des Blutpasses dauerte. "Zudem ist die Stammzell-Forschung ein solch komplexes Ding, dass es momentan möglicherweise die Mittel der Welt-Anti-Doping-Agentur überschreitet", sagte Sörgel. Er freut sich, dass die neue Methode von deutschen Wissenschaftlern entwickelt wurde.

"Ich zweifle keinen Moment, dass Gen-Doping bereits praktiziert wird. Der gerichtsfeste Nachweis wird aber zehnmal komplizierter als beim indirekten Beweis", befürchtet Sörgel. Zugleich unterstrich er die extremen Gefährdungen für die Sportler. "Die Gefahr für Athleten, an dieser Form des Dopings zu sterben, steigt stetig. Man braucht zur Implantationen von Stammzellen absolute Fachleute. Und da sich diese nicht für solche Dinge hergeben werden, wächst die Gefahr, sich in Hände von geldgierigen Scharlatanen zu begeben", bestätigte Sörgel. "Der unseriösen Industrie ist Tür und Tor geöffnet."

Begrüßt werden die neuen Verfahren von der Nationalen Anti-Doping-Agentur NADA. "Das Projekt wird von der WADA gefördert und könnte ein guter Ansatz sein", meinte Pressesprecher Berthold Mertes. Die WADA hatte das Projekt mit 980 000 Dollar unterstützt. Doch auch der NADA-Sprecher bleibt vorsichtig: "Wie schnell diese Verfahren bei Doping-Kontrollen umgesetzt werden kann, ist derzeit nicht absehbar."

Abstract der Studie in Gene Therapy online: "Direct and long-term detection of gene doping in conventional blood samples"

Lesen Sie dazu auch:
Fortschritte im Anti-Doping-Kampf - aber Gen-Doping im Tierversuch

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