Ärzte Zeitung online, 08.09.2010
 

Sauberes Wasser: Frauen und Handys sollen es richten

STOCKHOLM (dpa). Viel Zündstoff und unkonventionelle Ideen bei der Weltwasserwoche in Stockholm: Rund zwei Milliarden Menschen haben keinen sicheren Zugang zu sauberem Wasser. In Pakistan haben Überschwemmungen rund 20 Millionen Menschen getroffen und jeden Tag sterben weltweit 4000 Kinder durch verschmutztes Wasser und fehlende Hygiene.

"Wir wollen diese Probleme viel zu sehr von oben nach unten lösen. Viel wichtiger ist es, mit Frauen in armen Ländern ganz simpel das Filtrieren von Wasser für ihre Familien einzuüben", sagte die US-Wissenschaftlerin Rita Colwell vor den Delegierten in Schwedens wasserreicher Hauptstadt. Sie soll dort am Donnerstag den diesjährigen Weltwasserpreis erhalten.

Die freundliche kleine Professorin von der Universität Maryland hat bahnbrechende Forschung über schmutziges Wasser als Ursache von Cholera und anderen ansteckenden Krankheiten betrieben. Colwell äußert sich skeptisch zu von außen aufgepfropften riesigen Hilfsprogrammen und hat selbst in Bangladesch erlebt, dass kleine, örtlich verankerte Hilfe zur Selbsthilfe langfristig und nachhaltig wirkt: "Die Frauen selbst ziehen dann ihre Nachbarinnen mit. Und ich habe selbst nach zehn Jahren gesehen, wie stabil das ist."

Ihr Kollege Daanish Mustafa vom Londoner King's College muss für seine pakistanische Heimat in diesen Wochen eher in größeren Maßstäben rechnen, weil Flusswasser dort eine Fläche von der Größe Italiens überschwemmt hat und nicht wieder abfließt. Dass kaum jemand der Betroffenen rechtzeitig das eigene Hab und Gut in Sicherheit bringen konnte, sieht Mustafa auch als Folge von fehlendem Einsatz neuer, billiger Technik: "In Pakistan gibt es mehr Handys als Toiletten. Warum haben die Behörden keine SMS-Warnungen vor der Flut verschickt?"

Ähnlich praktisch orientiert sieht der Hydrologe auch in die unmittelbare Zukunft für die weiter von den Wasserfluten bedrohten Pakistani: "Nächstes Jahr gibt es gerade wegen der Überschwemmungen eine wahnsinnig gute Baumwollernte. Damit etwas draus wird, muss das Wasser schleunigst in die Flussläufe zurückgepumpt werden." Hier sieht Mustafa das Ausland in der Pflicht: "Als New Orleans überschwemmt wurde, hat es doch auch keinen Tag gedauert, ehe die Niederländer als die Weltmeister auf diesem Gebiet ihre Pumpen über den Atlantik geschickt haben."

Wie schnell es bei günstigen Bedingungen nach solchen Mega-Katastrophen mit dem Wiederaufbau der Wasserversorgung und des Sanitärsystems gehen kann, berichtet auf der Weltwasserwoche der Brite Alastair Morrison vom Stockholmer SIWI-Institut. "In Aceh nach dem Tsunami hat das für eine Million Menschen nur vier Jahre gedauert. Jetzt ist die Wasserversorgung viel besser als vor dem Tsunami."

Morrison hat aber auch in Ländern wie dem afrikanischen Liberia erlebt, dass lange nach Ende des Bürgerkrieges die Hauptstadt Monrovia immer noch ohne funktionierende Wasserversorgung ist. Hier wie auch in Angola und Mosambik war die bewusste Zerstörung der Wasser-Infrastruktur ein Teil der Kriegsführung. Beim Wiederaufbau geht es denn auch nicht nur um die richtige Technik und das Material: "80 bis 90 Prozent des Wiederaufbaus der Wasser- und Sanitär-Versorgung sind politischer Wille."

Drastischer drückte es die Wasserministerin Kenias, Charity Kaluki Ngilu, vor den mehr als tausend Kongressteilnehmern aus: "Es gibt in etlichen afrikanischen Ländern nicht den geringsten politischen Willen, Geld in die Wasserversorgung zu stecken. Stattdessen geht es in den Kauf von Rüstung für sinnlose Kriege." In Kenia sei das Recht auf Wasser in der Verfassung verankert, sagte die Ministerin und bekam Beifall von der Wasserpreisträgerin Colwell. Es schloss sich ein Kreis zwischen Frauen-Initiativen von unten und von oben.

Homepage der Weltwasserwoche (englisch)

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