Ärzte Zeitung, 24.09.2010

Aus Österreich in die Thüringer Palais-Praxis

Immer mehr Österreicher füllen die Ärztelücke im Osten. Etwa 60 sind es allein in Thüringen. Roy Ben-Chur hat sein "kleines Wien" im malerischen Meiningen gefunden.

Von Robert Büssow

Aus Österreich in die Thüringer Palais-Praxis

Balkon mit Aussicht: Dr. Roy Ben-Chur vor seiner Praxis in der Meininger Altstadt.

© rbü

MEININGEN. "Ach, das ist also der Osten", dachte Roy Ben-Chur, als er im Herbst 2008 das erste Mal durch Meiningen fuhr und einige Vorurteile geraderücken musste.

Aufwändig restaurierte Fachwerkhäuser, Parks, Villen, selbst ein Theater hat die Kleinstadt am Rande des Thüringer Waldes vorzuweisen. Ben-Chur ist Österreicher, 42 Jahre alt, Allgemeinmediziner und einem Hilferuf der Meininger gefolgt. Denn Hausärzte sind Mangelware.

Laut Statistik fehlen in Thüringen über 100. Was für eine Not dahinter steckt, zeigt aber erst der Empfang, der ihm bereitet wurde. "Ich bekam ein tolles Hotel, dann eine Stadtbesichtigung und abends wurde ich ins Theater eingeladen", erzählt der Arzt. Richtig beeindruckt war Ben-Chur aber erst, als er das Große Palais sah, ein pompöser Prachtbau, vor der Wende Sitz des Rats des Kreises - und heute seiner Praxis.

Die Stadtwerke haben das Gebäude saniert und zu einem günstigen Preis vermietet. So wird im Osten mittlerweile um Ärzte geworben, Not macht erfinderisch. Vor allem Österreicher sind begehrt. Vor fünf Jahren arbeiteten erst 23 Österreicher im Freistaat, jetzt sind es etwa sechzig.

Die Landesärztekammer hat einen Freundschaftsvertrag mit der österreichischen Kammer und ist regelmäßig auf Jobbörsen im Nachbarland vertreten. Ben-Chur hatte sich auf der Online-Plattform www.docanddoc.at informiert, die gezielt in die neuen Bundesländer vermittelt.

Wer dort nachschlägt, findet eindringliche Inserate zur Praxisübernahme auch in der Thüringer Provinz. "Viele sind sicher frustriert, dass sie ihre Praxen nicht loswerden und dadurch viel Geld verlieren", sagt Ben-Chur. Das gilt auch in Meiningen. Doch der Wiener entschied sich für das Palais, um im Oktober 2009 seine Praxis zu eröffnen. Deswegen war der Start auch etwas holprig.

Nur 450 Scheine hatte er im ersten Quartal - ein Minusgeschäft. Erst nachdem ein weiterer Arzt aufhörte, sei die Zahl auf rund 1100 gestiegen. Auch die Bekanntschaft mit der deutschen Bürokratie sei ihm nicht erspart geblieben, aber selbst dabei habe man ihm geholfen. "Schwierig ist gerade am Anfang, dass die Quartalsabrechnung ein halbes Jahr später kommt", sagt Ben-Chur zum deutschen Abrechnungssystem.

Sein bevorzugtes Leistungsspektrum umfasst Chronikerbehandlung, Prophylaxe, Hausbesuche. Auch wenn letztere sich kaum rentieren würden, ist gerade hier die Nachfrage der Pflegeeinrichtungen groß. Mittlerweile hat er etwa 1000 Stammpatienten, darunter allerdings nur knapp 40 Privatpatienten. "Wer junge Ärzte aufs Land locken will, muss deshalb größere finanzielle Anreize bieten - beispielsweise bei Hausbesuchen oder durch bessere Fallwerte pro Behandlung auf dem Land als in der Stadt", so Ben-Chur zum Thema Ärztemangel.

Dass ausgerechnet die Österreicher die größte Gruppe unter den mittlerweile über 600 ausländischen Ärzten im Freistaat stellen, liegt laut Ben-Chur nicht nur an der gemeinsamen Sprache, sondern an der schwierigen Ausbildungslage in seiner Heimat. Nach seiner Promotion 1993 war er zwar "Doktor der gesamten Heilkunde", musste aber für das Recht zur Berufsausübung drei Jahre warten, bis er seinen "Turnus" - sozusagen die Facharztausbildung - in einem Wiener Hospital ableisten konnte. Das dauerte wiederum drei Jahre. Viele Österreicher wandern vorher aus.

Auch Ben-Chur war anschließend in Norwegen und in England - bevor er sich etwas "für länger" suchte und in Meiningen schließlich vom Ösi zum überzeugten Ossi wurde.

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