Ärzte Zeitung online, 14.09.2010
 

Sexueller Missbrauch in Kurklinik? Staatsanwaltschaft ermittelt

FLENSBURG (dpa/eb). Ermittler gehen dem Vorwurf sexuellen Missbrauchs unter Kindern in einer Kurklinik auf Sylt nach. Die DAK als Betreiberin der Kurklinik weist die Anschuldigungen zurück und spricht von "erweiterten Doktorspielen".

Sexueller Missbrauch in Kurklinik? Staatsanwaltschaft ermittelt

In der Kurklinik "Haus Quickborn" soll es sexuelle Misshandlungen unter Kindern gegeben haben.

© dpa

Ulrike Stahlmann-Liebelt von der Staatsanwaltschaft Flensburg sagte am Dienstag: "Die Anzeige ist erstattet worden von der Mutter eines Kindes, das dort gewesen ist. Und derzeit wird eben überprüft, ob es strafrechtlich relevante Vorwürfe gibt." Die Sprecherin der Behörde fügte hinzu: "Da sind wir noch ganz am Anfang."

Der Bielefelder Anwalt Carsten Ernst hatte zuvor erklärt, es habe mehrfachen Missbrauch unter Kindern in der Kurklinik auf der Nordseeinsel gegeben. In diesem Sommer seien dort bis zu zwölf Kinder missbraucht worden, sagte Ernst. Eltern der mutmaßlichen Opfer hatten den Anwalt eingeschaltet. Alle Beteiligten seien unter 14 Jahre alt, auch die vier bisher ermittelten potenziellen Täter, sagte Ernst am Dienstag.

Er bestätigte damit einen Bericht der "Bild"-Zeitung. Das Blatt berichtete am Dienstag, die Vorfälle hätten im "Haus Quickborn" stattgefunden, einer Fachklinik der DAK für adipöse Kinder. Die Misshandlungen sollen im Juli und August in einer Wohngruppe mit 16 Kinder stattgefunden haben. Mehrere Kindern seien inzwischen vernommen worden.

Die DAK wies den Vorwurf des sexuellen Missbrauchs unterdessen zurück. Es habe keinesfalls Serienvergewaltigungen unter Kindern gegeben, sagte DAK-Sprecher Frank Meiners am Dienstag. Er sprach von "erweiterten Doktorspielen" auf freiwilliger Basis. Daran hätten sich in einer Wohngruppe 14 von 16 Jungen im Alter von 9 bis 13 Jahren beteiligt.

"Jeder war Täter und Opfer zugleich", sagte Meiners. "Sexuelle Gewalt hat es nach unserer Kenntnis nicht gegeben." Als Anstifter hätten sich drei Jungen im Alter von 9, 11 und 12 Jahren erwiesen. Sie wurden den Angaben zufolge nach Bekanntwerden der Vorfälle von der Gruppe getrennt. Die Staatsanwaltschaft Flensburg ermittelt, nachdem die Mutter eines Jungen Anzeige erstattet hat.

Mit Unverständnis reagierte der Rechtsnwalt Ernst auf die DAK-Stellungnahme. "Da wird nun alles kleingeredet. Aber wer einen Analverkehr als erweitertes Doktorspiel betitelt, der hat den Sinn für die Realität verloren." Nach Angaben des Anwalts soll es sowohl zu Oral- als auch Analverkehr gekommen sein.

Ernst sagte, er habe am Dienstag mehrere Anrufe von Müttern erhalten, die in diesem Fall aussagen wollten. "Auf die Stellungnahme der DAK haben sie mit Unverständnis reagiert. Sie waren verärgert."

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