Ärzte Zeitung online, 15.09.2010

Sexueller Missbrauch in Kurklinik: DAK räumt ernste Vorfälle ein

Erst waren es Zungenküsse, später dann Oral- und Analsex: Beim Kinderspiel "Flaschendrehen" in einer Sylter Kurklinik kam es zu sexuellen Übergriffen unter Jungen. Die DAK schätzt die Vorfälle mittlerweile ernst ein - und bedauert die erste Darstellung von "erweiterten Doktorspielen".

Sexueller Missbrauch in Kurklinik: DAK räumt ernste Vorfälle ein

Die Kurklinik "Haus Quickborn" auf Sylt im Fadenkreuz: hier soll es zu den sexuellen Misshandlungen gekommen sein.

© dpa

WESTERLAND (dpa). Die Affäre um Missbrauch unter Kindern auf Sylt wird nun auch vom Betreiber der betroffenen Kurklinik ernster eingestuft. Die DAK sei zu einer "neuen Einschätzung" gekommen, teilte ein Sprecher am Mittwoch in Hamburg mit. "Die Kasse stellt klar, dass der zunächst verwendete Begriff von ‚erweiterten‘ Doktorspielen auf freiwilliger Basis" unrichtig und unangemessen war." In der Klinik "Haus Quickborn" sollen mehrere Jungen andere Kinder auch unter Androhung von Gewalt zu sexuellen Handlungen gedrängt haben.

Die DAK bedauere die Vorkommnisse "auf das Allertiefste", heißt es in der Mitteilung. Weitere Erklärungen gab es allerdings zunächst nicht. "Da es sich um ein laufendes Verfahren handelt und der Schutz der betroffenen Kinder Priorität hat, kann die DAK zum gegenwärtigen Zeitpunkt der Öffentlichkeit keine weiteren Informationen geben."

Zu den Übergriffen soll es im Juli und August in einer Gruppe mit 16 Jungen in der Klinik für übergewichtige Kinder in Westerland gekommen sein. Nach Bekanntwerden der Vorwürfe hatte die DAK am Dienstag zwar bestätigt, dass es sexuelle Handlungen in der Kindergruppe gegeben habe. "Angebliche Vergewaltigungen" hatte der Betreiber aber zunächst entschieden zurückgewiesen.

Einem internen Papier der DAK vom 24. August zufolge kam es beim "Flaschendrehen" unter den 9 bis 13 Jahre alten Jungen auch zu Oral- und Analsex. Rädelsführer hätten bei "Schwulen-Abenden" in der Klinik "Aufgaben" gestellt. Nach Angaben der Kinder sollen sie erst aus Küssen und Zungenküssen bestanden haben, "später auch in manueller bzw. oraler Stimulation der Genitalien bis hin zur analen Penetration mit Finger und/oder Glied".

13 der 16 Kinder sollen beteiligt gewesen sein. Drei Jungen hätten sich geweigert mitzumachen, dann aber Schmiere stehen müssen. Wer die "Aufgaben" nicht erfüllte, habe als "Angsthase", "Memme" oder "Spielverderber" dagestanden. Der DAK-Sprecher wollte dies am Mittwoch nicht kommentieren.

Die Mutter eines Jungen hat Strafanzeige gestellt. Die Staatsanwaltschaft Flensburg untersucht daher die Vorwürfe des sexuellen Missbrauchs von Schutzbefohlenen und der Verletzung der Aufsichtspflicht. Ob inzwischen weitere Anzeigen vorliegen, konnte Oberstaatsanwältin Ulrike Stahlmann-Liebelt am Mittwoch nicht sagen.

Rechtsanwalt Carsten Ernst aus Bielefeld hatte am Dienstag erklärt, mindestens sieben weitere Mütter hätten angekündigt, aussagen zu wollen. Er gehe davon aus, dass bis zu zwölf Kinder misshandelt worden sind.

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