Ärzte Zeitung online, 16.09.2010

Amoklauf-Prozess: Urteil wegen fahrlässiger Tötung möglich

STUTTGART (dpa). Der Vater des Amokläufers von Winnenden soll nach dem Willen der Staatsanwaltschaft nicht nur wegen Verstoßes gegen das Waffengesetz verurteilt werden.

Amoklauf-Prozess: Urteil wegen fahrlässiger Tötung möglich

Zeigt sich zuversichtlich: der Opferanwalt Bernd Behnke am Donnerstag vor dem Landgericht in Stuttgart.

© dpa

Staatsanwältin Eva Hanss sagte am Donnerstag vor dem Landgericht Stuttgart, sie halte daran fest, "dass sich der Angeklagte auch der fahrlässigen Tötung in 15 Fällen und der fahrlässigen Körperverletzung schuldig gemacht hat". Nun ist es die Entscheidung des Gerichts, das Verfahren zu erweitern. In dem Fall droht dem Vater von Tim K. eine mehrjährige Haftstrafe.

Der 51-jährige Sportschütze wird beschuldigt, die Tatwaffe im unverschlossenen Schlafzimmerschrank aufbewahrt und damit gegen das Waffengesetz verstoßen zu haben. Sein 17 Jahre alter Sohn hatte mit der Pistole am 11. März 2009 an der Albertville-Realschule zwölf Schüler und Lehrer ermordet und weitere drei Menschen bei seiner Flucht getötet. Dann nahm er sich das Leben.

Das Verfahren gegen den Vater ist eine Premiere in Deutschland: Noch nie hat es einen Strafprozess gegeben, bei dem ein Unbeteiligter nach einem Amoklauf vor Gericht stand. Für die Hinterbliebenen war schon der Weg zum Landgericht in Stuttgart eine Tortur. "Das können Sie sich gar nicht vorstellen, wie schwer so ein Gang sein kann", sagte Gisela Mayer, die bei dem Amoklauf ihre Tochter verlor.

Der Angeklagte nahm erst im Gerichtssaal Platz, als die Kameraleute der Fernsehsender den Raum verlassen hatten. Der Vorsitzende Richter hatte diesem Wunsch des 51-jährigen Geschäftsmanns stattgegeben. Nach Angaben einer Gerichtssprecherin begründete der Unternehmer seine Bitte damit, dass er sich nicht vorführen lassen wolle. Der Verteidiger Hans Steffan verwies auf die labile Lage seines Mandanten: "Das Verfahren hat ihn in erheblichem Maße gezeichnet - psychisch und körperlich. Wir hoffen, dass er es unbeschadet übersteht."

Die Hinterbliebenen der Opfer wollen dem Vater des Täters erstmals in die Augen sehen. "Ich hoffe, dass er sich mir als Mensch zeigt", sagte Gisela Mayer. Der Anwalt einiger Nebenkläger, Jens Rabe, sagte: "Meine Mandanten wollen sich mit dem Vater auseinandersetzen und sehen, wie er tickt. Übernimmt er die Mitverantwortung für den Amoklauf und entschuldigt er sich?"

Das juristische Gezerre hatte lange vor Prozessbeginn begonnen: Die Staatsanwaltschaft Stuttgart wollte das Verfahren im vergangenen Herbst eigentlich mit einem Strafbefehl gegen den Vater beenden. Dem Vernehmen nach hätte sich der Vater damit einverstanden erklärt. Generalstaatsanwalt Klaus Pflieger wies aber eine Anklage wegen fahrlässiger Tötung, fahrlässiger Körperverletzung und Verstoßes gegen das Waffengesetz an - als "generalpräventives Signal", wie er sagte. Die 3. Jugendkammer entschied bei der Zulassung in diesem Jahr allerdings anders und beschränkte die Anklage auf den Verstoß gegen das Waffengesetz. Damit droht dem Vater nicht mehr bis zu fünf Jahre, sondern höchstens ein Jahr Haft.

Eine Verurteilung in allen Anklagepunkten ist nur möglich, wenn der Vorsitzende Richter Reiner Skujat einen entsprechenden rechtlichen Hinweis gibt. Dieser muss vor dem Schluss der Beweisaufnahme ergehen. Denn an die zugelassene Anklage mit der Maßgabe, dass es sich nur um einen Verstoß gegen das Waffengesetz handelt, ist die 18. Strafkammer im Prozessverlauf nicht gebunden.

Nach dem Waffengesetz muss derjenige, der eine Waffe sorgfaltswidrig verwahrt, grundsätzlich mit einer Bestrafung wegen fahrlässiger Tötung rechnen, wenn mit der Waffe ein Mensch getötet wird. Als Sportschütze durfte der Vater des Amokläufers die Beretta-Pistole, Kaliber 9 Millimeter, besitzen.

Bis zum 11. Januar 2011 sind 27 Verhandlungstage angesetzt. 41 Nebenkläger und 19 Nebenklägervertreter sind zugelassen. Neben den wichtigsten ermittelnden Polizeibeamten sind Rechtsmediziner, die Mutter des Täters und seine Schwester als Zeugen geladen. Die Verhandlung wird am kommenden Dienstag, den 21. September fortgesetzt.

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