Ärzte Zeitung online, 20.09.2010

Nach dem Amoklauf von Lörrach: Ermittler suchen nach dem Motiv

Einen Tag nach dem Amoklauf von Lörrach laufen die Ermittlungen nach dem Motiv der Täterin auf Hochtouren. Vieles ist noch immer widersprüchlich. Festzustehen scheint, dass die 41-jährige Rechtsanwältin ihren Ex-Partner und ihren fünfjährigen Sohn getötet hat. Mittlerweile wird über einen Sorgerechtsstreit spekuliert, die Polizei spricht von einer Beziehungstat.

Nach dem Amoklauf von Lörrach: Ermittler suchen nach dem Motiv

Nach dem Amoklauf in Lörrach: Rettungskräfte am Tatort, dem Elisabethen-Krankenhaus.

© dpa

LÖRRACH (nös/dpa). "Meine erste Reaktion war: Nicht schon wieder". Baden-Württembergs Innenminister Heribert Rech (CDU) zeigte sich am Montag schockiert über die Vorfälle vom Sonntagabend in Lörach. Landrat Walter Schneider, ebenfalls CDU, zeigte sich ebenso entsetzt: "Ein Amoklauf in einem Krankenhaus: Das ist eine neue Dimension."

Die Ermittlungen laufen unterdessen auf Hochtouren. Nach ersten Erkenntnissen hat die 41-jährige Rechtsanwältin am Sonntagabend zunächst ihren Mann und ihren fünfjährigen Sohn erschossen. Für die Tat soll eine Sportwaffe vom Kaliber 22 eingesetzt worden sein. Nach der Tat soll sie in der Wohnung Brandbeschleuniger ausgelegt haben. Kurz darauf kam es zu einer Explosion.

Die Frau soll getrennt von ihrem Mann gelebt haben. Nach Informationen der "Badischen Zeitung" lag sie mit ihrem Mann im Sorgerechtsstreit. Das Blatt beruft sich auf Nachbarn, laut denen der Vater den Sohn unter der Woche betreut habe. Womöglich habe er ihn kurz vor der Tat abgeholt.

Weiter schreibt die Zeitung, die 41-Jährige sei als "schwierige Person" bekannt gewesen und habe einen "ungepflegten Eindruck" gemacht. Eine "entfernte Bekannte" soll der Online-Ausgabe mitgeteilt haben, die Frau habe das Sorgerecht für ihren Sohn verloren. "Dies hätte sie wohl nicht verkraftet", heißt es.

Die Polizei wollte diese Vermutungen zunächst nicht bestätigen. Man gehe auch weiterhin von einer Beziehungstag aus.

Die "Badische Zeitung" berichtet außerdem, dass die Frau womöglich Sportschützin gewesen sein könnte. Dies würde erklären, wie sie an die Waffe und die Munition kommen konnte. Auch diese Vermutung wollte die Polizei nicht bestätigen. Man prüfe die Vermutung, sagte ein Sprecher.

Die Chronologie des Sonntags

18.00 Uhr: Bei Polizei und Feuerwehr gehen mehrere Notrufe aus der Markus-Pflüger-Straße in der Innenstadt von Lörrach ein. Anwohner berichten von einer Explosion und einem Feuer.
18.04 Uhr. Eine mit einer Sportwaffe und einem Messer bewaffnete Frau stürmt aus dem Haus und schießt um sich.
18.06 Uhr: Der stellvertretende Stadtbrandmeister Hans-Dieter Böhringer trifft als Erster am Einsatzort ein. Er hört Schüsse, die Polizei stoppt ihn und seine Feuerwehrkameraden.
18.10 Uhr: Die Frau stürmt in das St. Elisabethen-Krankenhaus auf der anderen Straßenseite.
18.15 Uhr: Das Landeskriminalamt Baden-Württemberg wird von der örtlichen Polizei über eine Schießerei in der Klinik alarmiert. Sie mobilisiert das in Göppingen stationierte Spezialeinsatzkommando.
18.39 Uhr: Die Amokläuferin wird auf dem Flur im ersten Obergeschoss des Krankenhauses von einer Polizeikugel getroffen und getötet.

An dem zweiten Tatort, dem nahegelegenen Elisabethen-Krankenhaus wurden über 100 Patronen gefunden, wie dpa berichtet. In der Klinik hat sie einen 56-jährigen Krankenpfleger erschossen, der ihr offenbar zufällig über den Weg lief.

Erste Berichte, wonach sie in der Klinik weitere Personen angeschossen oder mit einem Messer verletzte haben soll, bestätigten sich nicht. Zwei weitere Personen soll sie auf dem Weg von der Wohnung in das Krankenhaus verletzt haben. Nach einem Schusswechsel mit der Polizei wurde sie von Polizeibeamten erschossen.

Unterdessen laufen die Spurensicherung am Tatort und die Obduktion der Opfer. Weitere Nachforschungen im Umfeld der Frau sollen laut Angaben des Polizeisprechers neue Erkenntnisse bringen.

Die Ermittler in Baden-Württemberg wollen am Montagnachmittag gegen 16 Uhr weitere Details ihrer Untersuchungen bekanntgeben. In der Stadt waren viele Menschen schockiert angesichts der Bluttat.

"Durch ihr beherztes Eingreifen haben die eingesetzten Beamten Schlimmeres verhindert", sagte der baden-württembergische Landespolizeipräsident Wolf Hammann am späten Sonntagabend. Von der Explosion bis zum letzten Schuss seien nicht einmal 40 Minuten vergangen.

Aus dem brennenden Wohnhaus rettete die Feuerwehr sechs Erwachsene sowie ein Kind. 15 Bewohner mussten mit Rauchgasvergiftungen in umliegende Krankenhäuser gebracht werden. Im Einsatz waren bis zu 300 Polizisten und Retter aus ganz Südbaden.

Der Vorsitzende der Deutschen Bischofskonferenz, Robert Zollitsch, äußerte sich tief erschüttert über den Amoklauf: "Wir beten für die Opfer. Wir sind in Gedanken und unseren Gebeten bei den Verstorbenen, den Verletzten, den trauernden Angehörigen und Freunden sowie den Einsatzkräften von Polizei und Rettungsdiensten", sagte der Freiburger Erzbischof. Die Oberbürgermeisterin von Lörrach, Gudrun Heute-Bluhm, äußerte sich ebenfalls geschockt über die Bluttat.

Die Lehren aus Winnenden

"Gleich rein gehen" lautet die Devise der Polizei in Baden-Württemberg bei Amokläufen. Streifenpolizisten sind angewiesen, einen Amokläufer sofort stoppen, statt auf ein Sondereinsatzkommando zu warten. Größere Gefahren für die Beamten werden dabei bewusst in Kauf genommen. Dieses Einsatzkonzept wurde bereits vor dem Amoklauf von Winnenden eingeführt.
Zuvor wurde stets erst einmal die Lage analysiert - was in einigen Fällen dazu führte, dass Polizisten zu spät einschritten. Amokläufer bringen häufig in kürzester Zeit möglichst viele Menschen um. Auf Analysen zu warten, könne deshalb viele Tote zur Folge haben, schlussfolgerte der damalige Landespolizeipräsident Erwin Hetger.
Die ersten Polizisten am Einsatzort sollen deshalb direkt eingreifen. Um sie auf solche Situationen vorzubereiten, wurde ein Trainingskonzept mit Videosimulationen und Rollenspielen entwickelt. Dabei können rund zehn unterschiedliche Einsätze simuliert werden, zum Beispiel eine Geiselnahme an einer Schule.
Die Diskussion um das richtige Einsatzkonzept bei Amokläufen hatte bundesweit begonnen, nachdem ein Amokläufer 2002 an einem Gymnasium in Erfurt 16 Menschen und sich selbst getötet hatte. (dpa)

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