Ärzte Zeitung online, 07.10.2010

Schwere Folgen nach Chemieunfall in Ungarn für Menschen und Umwelt befürchtet

BUDAPEST (dpa). Das Aufräumen nach dem schweren Chemieunfall in Ungarn wird der Regierung zufolge Monate, wenn nicht gar ein Jahr dauern. Eine giftige Schlammlawine aus einem Bauxitwerk hatte sich am Montag über mehrere Ortschaften in Westungarn ergossen. Für Menschen und Umwelt werden schwere Folgen befürchtet.

Schwere Folgen nach Chemieunfall in Ungarn für Menschen und Umwelt befürchtet

Vom giftigen Schlamm überschwemmt: Devecser, 164 km südwestlich von Budapest nach dem Chemieunfall am 4. Oktober.

© dpa

"Das hier aufzuräumen, wird Monate dauern", sagte Umweltstaatssekretär Zoltan Illes dem Feuerwehrportal langlovagok.hu. Dabei würden Kosten in Höhe von Dutzenden Millionen Euro entstehen. Deshalb erwäge Ungarn auch, die EU um Hilfe zu bitten. Ein diesbezügliches Ersuchen traf allerdings bis zum Mittwoch bei der EU-Kommission noch nicht ein, sagte ein Kommissionssprecher in Brüssel. Umweltschützer befürchten nach der roten Flut Langzeitschäden.

Eine giftige Schlammlawine aus einem Bauxitwerk hatte sich am Montag über mehrere Ortschaften in Westungarn ergossen. Im Ort Kolontar waren vier Menschen getötet und mehr als 120 verletzt worden, nachdem ein Speicherbecken der Aluminiumhütte MAL AG geborsten und ätzender Bauxitschlamm ausgeflossen war.

Die rote Brühe überschwemmte Häuser, Gärten und Autos. Der Schlamm ist das Abfallprodukt bei der Herstellung von Tonerde, aus der wiederum Aluminium gewonnen wird.

Katastrophenschutz und Feuerwehren setzten am Mittwoch die Aufräumarbeiten fort. Sie begannen, den Bauxit-Schlamm aus Häusern und Kellern abzupumpen und die Straßen von dem roten Belag zu säubern, den die Schlammflut hinterlassen hatte. Die in den Fluss Marcal geflossene, laugenhaltige Brühe wurde durch den Zusatz von Gips und anderen Stoffe neutralisiert.

Die Umweltorganisation WWF befürchtet verheerende Langzeitschäden. "Diese Umweltkatastrophe ist beispiellos in der ungarischen Geschichte und kann die Ökosysteme, Flusslandschaften, Grund und Boden und die Trinkwasservorräte Ungarns massiv gefährden", sagte der ungarische WWF-Direktor Gabor Figeczky in einer Mitteilung.

Der Leiter des Wasserbereichs beim WWF Deutschland, Martin Geiger, gab auch der EU eine Mitschuld an der Giftschlamm-Katastrophe. "Die EU-Sicherheitsstandards für die Abfallentsorgung in der Bergbau-Industrie sind viel zu niedrig", sagte Geiger der Nachrichtenagentur dpa am Mittwoch. So dürften als Absicherung der Becken einfache Erdbaudämme eingesetzt werden. Bei kritischem Hochwasser hielten diese aber nicht immer stand.

Ungarische Kommentatoren kritisierten, dass die Abfälle der in den 90er-Jahren privatisierten ungarischen Aluminiumindustrie nahezu bedenkenlos unter freiem Himmel gelagert werden könnten. Die Politik habe es versäumt, strengere Vorschriften zu erlassen und - wie etwa in der Schweiz, Österreich oder Großbritannien - eine Deponiesteuer einzuführen, bemängelte die Tageszeitung "Nepszabadsag".

Der ungarische Ministerpräsident Viktor Orban sagte, er habe das Innenministerium beauftragt, die Ursache des Unglücks zu untersuchen. "Es gibt keine Hinweise darauf, dass die Katastrophe durch natürliche Ursachen ausgelöst worden wäre", sagte Orban. Umweltstaatssekretär Illes hatte bereits am Dienstag die MAL AG für die Katastrophe verantwortlich gemacht. Die Geschäftsführung des Unternehmens hatte jede Verantwortung zurückgewiesen.

Lesen Sie dazu auch:
Roter Giftschlamm in Ungarn erreicht Donau

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