Ärzte Zeitung, 18.10.2010

Hintergrund

Sport: Kühlen erhöht die Leistung, extreme Kälte schadet

Mit extremer Kälte versuchen manche Profisportler, ihre Leistung zu steigern. Kältewesten und Eisbäder scheinen dabei tatsächlich etwas zu bringen. Von Kältekammern raten Experten jedoch ab: sie könnten womöglich sogar schaden.

Von Pete Smith

Kühlen, nicht aber extreme Kälte, erhöht Leistung im Sport

Kältekammer in der Kappelner Margarethenklinik: für Sportler vermutlich weniger geeignet als Eisbäder und Kältewesten.

© Tittel / nordpool / imago

Extreme Kälte führt dazu, dass sich die Blutgefäße unter der Haut verengen, wodurch leistungssteigernde oder heilende Vorgänge im Körper ausgelöst werden sollen.

In Deutschland gibt es mehrere Kliniken, die so genannte Kältekammern betreiben. Hier werden Patienten mit chronischen Erkrankungen, etwa Rheumatiker, für zweieinhalb Minuten Temperaturen von minus 110 Grad Celsius ausgesetzt.

Auch im Bundesleistungszentrum in Kienbaum in Brandenburg hat man 2009 eine solche Kältekammer angeschafft, die Profisportlern zu einer deutlichen Leistungssteigerung verhelfen soll.

Abkühlung vor dem Sport kann die Leistung steigern

Im Auftrag des Bundesinstituts für Sportwissenschaft haben Wissenschaftler um Dr. Oliver Faude vom Institut für Sport- und Präventivmedizin der Universität des Saarlandes mehr als 30 wissenschaftliche Studien zum Nutzen von Kälte im Sport ausgewertet.*

Schwerpunkt der Untersuchung bildete das so genannte "Precooling": Vor allem bei Hitze ziehen sich Athleten vor dem Wettkampf Kältewesten an, um den Körper herunterzukühlen.

Solche Westen enthalten meist Taschen mit einem speziellen Gel, das sich gut kühlen lässt. "Diese Maßnahme wirkt tatsächlich leistungssteigernd, allerdings nur bei hohen Außentemperaturen und bei Ausdauerleistungen, die zwischen 15 Minuten und einer Stunde dauern", so Faude.

So werden Kältewesten etwa auch gerne in den Pausen bei Fußballspielern eingesetzt, um überhitzte Spieler zu kühlen, wenn die Außentemperaturen unangenehm hoch sind.

Nutzen von Kältekammern im Sport bislang nicht belegt

Eine andere Methode hat Bruno Labbadia, damals Trainer des Fußball-Bundesligisten Hamburger SV, im Februar dieses Jahres seinen Profis verordnet: ein Bad in einer mit Eiswürfeln gefüllten Wanne. Der Kälteschock sollte die Regeneration seiner Männer beschleunigen, die zwischen zwei wichtigen Spielen nur 48 Stunden Zeit hatten, um sich zu erholen.

"In Mannschaftssportarten wie Fußball oder Hockey können Eisbäder nach dicht aufeinander folgenden Spielen tatsächlich etwas bringen", so Faude nach Analyse der Studien. Allerdings gilt das nur für intensive Wettkampfphasen, im Training können solche Anwendungen sogar kontraproduktiv sein.

Wie sich speziell Kältekammern auf die Leistungsfähigkeit von Sportlern auswirken, darüber liegen bislang noch keine Studien vor. "Allerdings wurden in anderen Studien mit Kältekammern auch Nebenwirkungen entdeckt", so Faude.

"Die Lungengefäße können sich bei regelmäßiger Anwendung etwas verengen. Diesen Effekt will man bei Sportlern eigentlich nicht haben." Überhaupt ist der Saarbrücker Sportmediziner von Kältekammern keineswegs überzeugt.

Sie seien in der Anschaffung und im Unterhalt sehr teuer, eine Anwendung sei darüber hinaus nur an einem bestimmten Ort möglich und ihr Nutzen im Spitzensport noch nicht belegt.

* Oliver Faude et al: Kälteapplikation im Spitzensport. Eine Bestandsaufnahme der wissenschaftlichen Evidenz. Sportverlag Strauß, Köln 2010, 144 S., 15,80 Euro.

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