Ärzte Zeitung, 15.10.2010

Blinde Menschen

"Munter mitspielen und sich was trauen"

Blinde Menschen wollen nicht immer Hilfe - wie Ali-Can Pektas kommen sie oft sehr gut alleine durch die Stadt.

Von Gesa Coordes

"Munter mitspielen und sich was trauen"

Oft läuft Ali-Can Pektas schneller durch die engen Gassen in Marburg als viele Menschen, die sehen können.

© Rolf K. Wegst

MARBURG (coo). Ali-Can Pektas gehört zu den wenigen Blinden, die noch nie ungebeten über eine Straße geführt wurden. Mit seinem weißen Langstock läuft der 17-Jährige Gymnasiast allerdings so zügig durch Marburgs Gassen, dass er viele Sehende überholt. "Hilfe brauche ich nur in fremden Städten", sagt Ali. Aber Marburg kennt er wie seine Westentasche. Als Fünfklässler kam er in die Blindenstadt.

"Nicht so, sondern so" lautet das Thema zum "Internationalen Tag des Weißen Stockes" am 15. Oktober. An diesem Aktionstag wird darauf aufmerksam gemacht, wie Sehende Blinden helfen können. Dazu zählt immer, zunächst zu fragen, ob sie eine Straße queren wollen.

Ali-Can Pektas steht mit seinem schwarzen Rucksack an der Bushaltestelle vor Marburgs größtem Kaufhaus. Der zweieinhalb Kilometer lange Schulweg bereitet ihm schon lange keine Schwierigkeiten mehr. Scheinbar mühelos findet er den hinteren Einstieg des Stadtbusses. Wenn er Glück hat, erwischt er den Bus, der bis zur Blindenstudienanstalt fährt. Heute klappt es. Meist muss er aber noch von der Elisabethkirche auf den Grassenberg hinauflaufen.

Mehr als 300 Schüler strömen jeden Tag in die zehn Gebäude auf dem Gelände dieses ältesten Blindengymnasiums Deutschlands. Aus den Klassenräumen der Unterstufe ertönt das Klappern der Blindenschreibmaschinen. Ali-Can Pektas besucht das berufliche Gymnasium Wirtschaft: "Ich möchte ins Finanzmanagement", sagt der 17-Jährige. Rechnungswesen gehört denn auch zu seinen Lieblingsfächern. Wenn Lehrer Bernd Peter nach Bilanzen, Controlling oder Kalkulationen fragt, ist der aus Darmstadt stammende Deutschtürke voll bei der Sache.

Verstecken kann man sich in diesem Unterricht nicht. Es sitzen nämlich nur acht Schüler in der Klasse. "Aus Schülersicht hat das manchmal auch Nachteile", erzählt der Blista-Sprecher Rudi Ullrich, der einst selbst hier zur Schule ging. Die Klassen haben grundsätzlich nur sechs bis zwölf Schüler. Vor jedem Schüler steht ein Laptop. Manche arbeiten mit der tastbaren Braillezeile, manche mit riesiger Schrift, manche mit Bildschirmlesegeräten. Ali hat einen Kopfhörer und ein Programm, das ihm das Geschriebene vorliest.

Die Schüler müssen sich aber nicht nur auf das Hören verlassen. Es gibt Modelle, um Erdbeben zu verstehen, Menschenfiguren zum Auseinandernehmen und Moleküle zum Zusammenstecken. Möglichst viel wird durch Experimente gelernt.

Blindenstudienanstalt (Blista) in Marburg

Seit 94 Jahren steht die Blindenstudienanstalt (Blista) am Marburger Grassenberg. Dabei handelt es sich um das älteste und das einzige Blindengymnasium Deutschlands. Mit mehr als 300 Schülern aus ganz Deutschland erfreut sich die Schule großer Beliebtheit. "In der Geschichte der Blista gab es noch nie so viele Schüler", sagt Sprecher Rudi Ullrich.

Die meisten teilen die Erfahrung, dass eine Integration in normalen Gymnasien eben doch schwieriger ist. Und sie erhoffen sich von der Blindenstudienanstalt besonders gute Voraussetzungen, um das Zentralabitur zu schaffen. Schulzeitverkürzung gibt es hier nicht. Dafür sind vergrößerte Kopien und Blindenschriftbücher so selbstverständlich, dass sie kaum erwähnt werden. Zur Schule gehört ein Berufliches Gymnasium und eine Fachoberschule.

Auch die Tochter des ehemaligen Bundespräsidenten Horst Köhler hat an der Blista Abitur gemacht. Er zollt der Einrichtung höchstes Lob: "Marburg ist die erste Adresse für Sehbehinderte", sagt er. Zur Blista gehören 405 Mitarbeiter, darunter 60 Schwerbehinderte. Dank der Blista hat sich Marburg fast perfekt auf die Bedürfnisse von Sehbehinderten eingestellt. (coo)

Ali-Can Pektas verbringt fast den ganzen Tag in der Schule. Er ist nämlich begeisterter Sportler. Obwohl die Schüler ohnehin drei Sportstunden pro Woche haben, trainiert er noch mehrmals in der Woche Fußball und Torball. Trainer Peter Gößmann hält ihn für ein Naturtalent. Obwohl er von Geburt an blind ist, kickt er bereits seit der Kindergartenzeit. Gelernt hat er das Fußballspielen mit Sehenden: "Man muss einfach nur munter mitspielen und sich was trauen", behauptet der 17-Jährige.

Wer seinem Training zuschaut, kann kaum glauben, dass er blind ist. Mit Tempo rast er über das Feld, passt seinen Mitspielern und geht beim Zweikampf hart zur Sache. Sogar den Kopfschutz - ein Schaumstoffring - trägt er meist nur, wenn er in der Blinden-Bundesliga spielt. Gerade hat er ein kaum zu haltendes Tor geschossen. Ali hat den Ball exakt in die rechte obere Ecke platziert.

An der Schule werden viele Sportarten trainiert, die man Blinden nicht zutraut. Grundsätzlich lernen sie Reiten, Schwimmen, Radfahren, Rudern und Judo. Aber auch Surfen oder Ski fahren wird in Begleitung von Sehenden geübt. "Das ist etwas Lustiges", sagt Ali-Can Pektas über die ungewohnte Abfahrt durch den Schnee.

"Gerade, wenn man schlecht sieht, braucht man Anreize", erklärt Ullrich. Zudem hat die Schule die Erfahrung gemacht, dass ihre Sportler meist auch sonst im Leben gut zurecht kommen.

Bei allen Paralympics waren Schüler oder Absolventen der Blista dabei. Jüngster Star ist die Skiläuferin Verena Bentele, die in Kanada fünf Goldmedaillen holte.

"Die Jugendlichen hier können trotz ihrer Behinderung ein völlig normales leben führen", sagt Ullrich. Deshalb lernen sie gemeinsam mit einem Mobilitätstrainer schon zu Beginn ihrer Marburger Schulzeit, sich blind zurecht zu finden. Mit dem weißen Langstock ertastet Ali fühlbare Markierungen auf den Straßen. Mit Hilfe von Geräuschen orientiert er sich auf dem Weg zum Bus, zu Freunden und im Supermarkt. Nur Schnee ist "ein bisschen blöd", meint der 17-Jährige. Die weiße Pracht schluckt nämlich alle Geräusche.

Zum Konzept der Schule gehört es, dass die Jugendlichen in Wohngruppen leben. Die Minderjährigen werden rund um die Uhr betreut. Die Volljährigen bekommen nur noch zweimal in der Woche von einer Erzieherin Besuch. Von Anfang an lernen sie Einkaufen, Kochen, Putzen und Aufräumen.

Mit ihrem WG-Konzept ist die Schule bis heute Vorreiter. "Man muss die lebenspraktischen Fähigkeiten tagtäglich anwenden", erklärt Rudi Ullrich: "Wenn man sich bei jedem Mittagessen bekleckert, kriegt man keinen Job. Da nützt die beste Ausbildung nichts."

Schreiben Sie einen Kommentar

Überschrift

Text

Die Newsletter der Ärzte Zeitung

Lesen Sie alles wichtige aus den Bereichen Medizin, Gesundheitspolitik und Praxis und Wirtschaft.

Weitere Beiträge aus diesem Themenbereich

Dicker Hals = dickes Risiko fürs Herz

Nicht nur ein dicker Bauch spricht Bände – der Halsumfang eignet sich ebenfalls, um das kardiovaskuläre Risiko abzuschätzen. mehr »

Junge Ärzte müssen etwas zur Versorgung auf dem Land beitragen!

Politik und Verbände mühen sich ab, um junge Ärzte für die Versorgung auf dem Land zu begeistern. Blogger Dr. Jonas Hofmann-Eifler sieht die Verantwortung ein Stück weit auch bei sich und seinen Kollegen. mehr »

MDK lehnt Pflegeanträge seltener ab

Kommen die Pflegereformen bei den Versicherten an? Neuen Zahlen zufolge fallen weniger Antragssteller durchs Raster und erhalten somit Leistungen. mehr »