Ärzte Zeitung online, 21.10.2010

Bischöfe entsetzt über Handel mit Leichen-Plastinaten

HEIDELBERG/FREIBURG (dpa). Die Absicht des umstrittenen Heidelberger Anatoms Gunther von Hagens, Leichen-Plastinate im Internet anzubieten, stößt auf entsetzte Ablehnung der Bischöfe in Baden-Württemberg.

Bischöfe entsetzt über Handel mit Leichen-Plastinaten

Erzbischof Robert Zollitsch: Nicht zur Drehscheibe des Leichenhandels werden.

© dpa

Der evangelische Landesbischof von Baden, Ulrich Fischer, und der Freiburger Erzbischof Robert Zollitsch riefen die Politik auf, den Handel zu verhindern und "diesen Tabubruch nicht zuzulassen".

In einer am Mittwoch veröffentlichten gemeinsamen Mitteilung betonten sie: Deutschland dürfe nicht "scheibchenweise zu einer Drehscheibe des Leichenhandels werden". Plastination ist die wirklichkeitsgetreue Konservierung anatomischer Präparate.

Von Hagens hatte in einem Rundschreiben an Körperspender, Kunden, Lieferanten und interessierte Freunde die Eröffnung eines Onlineshops angekündigt. Er nannte am Mittwoch den 2. oder 3. November als Starttermin.

"Unser Bemühen zur Etablierung eines Online-Shops ist seit Jahren Thema öffentlicher Diskussion", teilte der Plastinator mit. Da ein solches Geschäft auch getestet werden müsse, sei man bereits seit einiger Zeit in der Testphase.

"Dazu gehört auch, dass wir einen ausgewählten Nutzerkreis die Funktionalität und grafische Oberfläche beurteilen lassen." Es hätten sich aber nicht alle Tester an die erbetene Vertraulichkeit gehalten. Vom offiziellen Eröffnungsdatum an sei das Unternehmen bereit, sich zu den Inhalten des Shops zu äußern, versicherte von Hagens.

"Es geht hier nicht um neue Erkenntnisse für Wissenschaft und Forschung, sondern um Leichenfledderei und Spektakel unter dem Deckmantel der medizinischen Aufklärung", kritisierte Erzbischof Zollitsch. Der geplante Internethandel sei ein "Tabubruch", der gegen die Achtung vor Toten verstoße. Der menschliche Körper dürfe nicht zum Anschauungsobjekt oder Ersatzteillager degradiert werden.

Für den Karlsruher Landesbischof Fischer ist schon die Zurschaustellung der präparierten Leichen als "Kunstwerke" nicht akzeptabel. Leichen im Internet zu "verkaufen", sei aber noch weitergehender. "Wo sterbliche Überreste eines Menschen zur Handelsware werden, verletzt er dessen Würde", schrieb Fischer.

Wie die "Süddeutsche Zeitung" am Mittwoch berichtete, ist die Bestellung echter Leichen-Plastinate der Website zufolge nur Nutzern möglich, die in Forschung, Lehre oder als niedergelassener Arzt tätig sind.

Ein plastinierter Körper kostet nach Angaben der Zeitung in dem Shop 69 615 Euro, ein Torso sei für 56 644 Euro zu haben, ein Kopf für 22 015 Euro. 200 Mitarbeiter stellen von Hagens zufolge in seinem neuen Institut für Plastination in Guben (Brandenburg) die Präparate her.

Während Kritiker von Hagens als "Frankenstein-Künstler" brandmarken, sieht sich der 65-Jährige im Dienste von Bildung und Aufklärung. Von Hagens hatte in Heidelberg als Assistent am Anatomischen Institut der Universität seine ersten Versuche gestartet. Heute ist in der Universitätsstadt auch sein Institut für Plastination (IFP) ansässig.

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