Ärzte Zeitung online, 05.12.2010

"Wetten, dass..?"-Kandidat auf Intensivstation

DÜSSELDORF (dpa). Auf diese Premiere hätte Thomas Gottschalk sicher gern verzichtet. Das ZDF schaltete erstmals seine "Wetten, dass..?"-Show mittendrin ab. Ein 23-Jähriger versuchte, fünf fahrende Autos mit Hilfe von Federbeinen zu überspringen. Jetzt liegt er auf der Intensivstation.

"Wetten, dass..?"-Kandidat auf Intensivstation

Samuel Koch bei einem geglückten Sprung über ein Auto. Bei einem späteren Sprung stürzte der Wettkandidat und verletzte sich schwer.

©dpa

Nach seinem schweren Unfall bei "Wetten, dass..?" liegt der verunglückte Kandidat Samuel Koch auf der Intensivstation. Sein Zustand ist nach Klinik-Angaben kritischer als nach dem Unfall gehofft. Der 23-Jährige habe eine komplexe Verletzung an der Halswirbelsäule, sagte der ärztliche Direktor der Uniklinik Düsseldorf, Professor Wolfgang Raab, am Sonntag. Auch das Rückenmark sei in Mitleidenschaft gezogen worden. Raab sprach außerdem von Lähmungserscheinungen.

Zwar bestehe keine akute Lebensgefahr, der Patient sei aber in "ausgesprochen kritischem Zustand", erläuterte Raab. Er sei einer zweieinhalbstündigen Notoperation unterzogen worden und befinde sich derzeit im künstlichen Koma. Zu möglicherweise bleibenden Schäden wollte sich Raab nicht äußern.

Der 23-jährige Samuel Koch hatte am Vorabend in der Rheinhalle gewettet, mit Hilfe von Federbeinen, die er sich unter die Füße schnallte, per Salto über fünf fahrende Autos zu springen. Bei zwei Wagen klappte der Versuch in der Live-Show. Danach streifte er ein von seinem Vater gesteuertes Auto, geriet ins Trudeln und prallte mit voller Wucht auf den Boden, wo er regungslos liegen blieb. Das ZDF brach die Übertragung ab - erstmals in der Geschichte der beliebten Sendung.

Bereits bei den Proben war Samuel Koch gestürzt, wie er noch vor der Sendung der "Badischen Zeitung" sagte. "Der Wettteil klappt noch nicht", zitierte ihn das Blatt. "Bei den Proben am Donnerstag bin ich zweimal schwer gestürzt." Die Proben hätten ihm zwar eine "gewisse Sicherheit" gegeben. "Ich bin aber doch noch skeptisch."

Nach dem Unfall sagte Moderator Thomas Gottschalk im ZDF-"heute journal": "Ich habe die letzte Meldung bekommen, und die lautet, dass er bei Bewusstsein ist, dass seine Eltern bei ihm sind und mit ihm gesprochen haben." Es sei das erste Mal in seiner Karriere, dass er die erfolgreiche Show abgebrochen habe. "Wir wollen nicht auf heiter machen, wenn wir nicht heiter sind", erklärte er. Vor Unfällen sei man in einer Livesendung nie gefeit. Für ihn als Entertainer seien die Ereignisse aber eine "ganz furchtbare Erfahrung", sagte Gottschalk.

ZDF-Programmdirektor Thomas Bellut erklärte: "Die ersten Informationen über den Zustand unseres Wettkandidaten waren nicht eindeutig. (...) Unter dieser Voraussetzung konnten und wollten wir die Unterhaltungssendung nicht fortsetzen." Er kündigte eine gründliche Untersuchung des Unfalls an.

Das Unglück geschah bereits kurz nach Beginn der 192. "Wetten, dass..?"-Ausgabe aus Düsseldorf - gleich bei der ersten Wette. Beim ersten Sprung mit den sogenannten Powerizern unter den Füßen kam Samuel Koch noch ohne Probleme über einen Smart-Kleinwagen. Beim zweiten Auto brach der junge Mann ab und nahm noch einmal Anlauf. Dann klappte es wieder. Beim vierten Versuch geschah der Unfall. Am Steuer des Wagens saß ausgerechnet der Vaters des jungen Mannes, der an der Hochschule für Musik, Theater und Medien in Hannover studiert und Hobby-Kunstturner ist.

Die Wettpaten, Komiker Otto Waalkes und Model Sara Nuru, reagierten ebenso wie das Düsseldorfer Publikum geschockt. Fernsehmitarbeiter spannten ein schwarzes Tuch um die Unfallstelle. Gottschalk unterbrach die Sendung zunächst - das ZDF blendete Musikvideos ein. Kurz darauf brach Gottschalk die Sendung komplett ab. "Ich bringe es nicht fertig, jetzt hier weiter zu moderieren", sagte der kreidebleiche Gottschalk dem Publikum in der Halle. Er schickte die Zuschauer mit den Worten nach Hause: "Ich entlasse Sie ratlos. Ich bin ratlos, Sie sind ratlos - und traurig sind wir alle."

Unmittelbar nach dem Unfall sagte Gottschalk: "Wir haben's ein paar Mal geprobt, und er hat's immer, immer geschafft eigentlich. Und einmal hat's ihn auf den Hintern gesetzt, aber da ist er sofort wieder aufgesprungen." Angekündigt hatte der Moderator die Wette mit den Worten: "Ich habe vieles gesehen in meiner Laufbahn, so gefürchtet hab‘ ich mich noch nie, dass dem jungen Mann etwas passiert. Ich kann nur sagen: Ich hoffe, alles geht gut."

Auf Gottschalks Gästeliste hatten die mit Robbie Williams wiedervereinigte Band Take That und der 16 Jahre alte Teenie-Schwarm Justin Bieber gestanden. Erwartet wurden auch die Hollywood-Schauspieler Cameron Diaz und Christoph Waltz, Sängerin Cher, Musiker Phil Collins, Mimin Alexandra Maria Lara sowie Hardy Krüger senior.

Lesen Sie dazu auch:
ZDF will Konsequenzen aus Wettunfall ziehen - Verletzter im künstlichen Koma

Lesen Sie dazu auch den Hintergrund:
"Wetten dass"-Unfall: Keine Angst vor Erster Hilfe bei Wirbelsäulen-Trauma

Topics
Schlagworte
Panorama (30867)
Organisationen
ZDF (224)
[06.12.2010, 09:14:32]
Lothar Flessau 
Nicht nur die Unfallursachen überprüfen, sondern das gesamte Konzept überdenken
Ich finde es sehr bedauerlich, dass es erst zu so einem schweren Zwischenfall kommen musste, um in eine tiefere Ursachenforschung über die Sendung bzw. das Konzept einzusteigen. Es wurde schon an verschiedenenen anderen Stellen in dem Sinne kommentiert: "Muss es immer schneller, höher, weiter und damit auch riskanter sein?"
Offensichtlich kann sich auch das öffentlich-rechtliche Fernsehen, das wir mit unseren Gebühren finanzieren, nicht mehr diesem Trend verschließen. Eine absolute Sicherheit gibt es eben nun einmal nicht.
Offensichtlich war seit einiger Zeit, dass die Zuschauerzahlen gegenüber parallel laufenden Shows in den Privatsendern stetig und rasant abnahmen. Statt umfangreicher Umfragen (Liegt es ggf. an der Moderation, an Michelle Hunziker, am Konzept generell o.ä.??) muss mach mittlerweiler nach fast 30 Jahren auch die Frage erlaubt sein, ob sich dieses Konzept auch überlebt hat.
Ich wünsche dem jungen Wettkandidaten und seiner Familie von Herzen alles Gute und hoffe, dass er diesen schlimmen Umfall möglichst ohne bleibende Schäden übersteht. zum Beitrag »

Schreiben Sie einen Kommentar

Überschrift

Text

Die Newsletter der Ärzte Zeitung

Lesen Sie alles wichtige aus den Bereichen Medizin, Gesundheitspolitik und Praxis und Wirtschaft.

Weitere Beiträge aus diesem Themenbereich

Welche Reformen sind dringend notwendig?

Bürgerversicherung, Regressrisiko, GOÄ: Unsere Leser haben abgestimmt, welche Themen in der Gesundheitspolitik die nächste Bundesregierung unbedingt anpacken sollte. mehr »

Patienten sollen für Infos zahlen

Patienten und Angehörige sind bei beratungsintensiven Erkrankungen häufig hilflos. Viele Akteure versuchen, neutrale Angebote im Internet bereitzustellen. Ein Biologe will nun Beteiligte auf einer Plattform zusammenführen. mehr »